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SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball

Stehblog - SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball

Vollgasveranstaltung voraus

Wir wollen den Kredit, den wir in den letzten Wochen verspielt haben, wieder zurückholen. Dafür müssen wir uns von der Einstellung her anders präsentieren und als Mannschaft von der ersten Sekunde an zeigen, dass wir das Spiel gewinnen wollen. Dann werden einem auch Fehler verziehen.

Christian Hock trifft den Nagel auf den Kopf. Niemand erwartet 38 Siege pro Saison. Aber dass man es 38 mal versucht.

Kienle, Hock – und dann?

Am Sonntag wurde Marc Kienle als Cheftrainer des SV Wehen Wiesbaden freigestellt. Kienle hatte im Oktober 2013 Peter Vollmann beerbt und galt zunächst als Hoffnungsträger, was wohl vor allem daran lag, dass er vom FC Bayern München abgeworben wurde, wo er bis dahin die U19 betreut hatte. Zuvor war er beim VfB Stuttgart ebenfalls im Nachwuchsbereich tätig gewesen. Mit Kienle wurde der befürchtete Absturz ins Mittelfeld gestoppt (nach einem sehr erfolgreichem Saisonstart unter Vollmann), aber das Spitzentrio setzte sich im Saisonverlauf immer weiter ab, sodass der am Ende erreichte vierte Platz besser aussieht als die Saisonleistung eigentlich war. Immerhin konnte man sich so doch noch für den DFB-Pokal qualifizieren, nachdem zuvor das Hessenpokal-Halbfinale bei den Offenbacher Kickers nach einer blamablen Leistung verloren ging.

Vor dieser Saison wurden zahlreiche neue Spieler verpflichtet, von denen die meisten bereits als Jugendspieler mit Kienle gearbeitet hatten. Einige gaben auch explizit an, wegen Kienle zum SVWW gekommen zu sein. Die meisten Verpflichtungen können durchaus als gelungen bezeichnet werden und das neu formierte Team startete ausgesprochen vielversprechend in die neue Saison. Nach fünf Spieltagen war der SVWW zum ersten Mal Tabellenführer, rutschte dann ab, aber kämpfte sich erneut an die Tabellenspitze. Nach dem 17. Spieltag war aber Schluss damit und die komplette Rückrunde hindurch dümpelte der SVWW auf den Plätzen 8 bis 10 herum. Nicht nur, dass die Aufstiegsplätze in weiter Ferne verschwanden, sondern vor allem auch die Art und Weise, wie die Mannschaft zuletzt auftrat, sorgten schließlich für die Trennung. Weder spielerisch noch taktisch war eine Entwicklung erkennbar und das ganze Team wirkte lust- und ideenlos. In diesem Trott könnte auch Regionalligist Hessen Kassel, in zwei Wochen Gegner im Hessenpokal-Halbfinale, zur unüberwindlichen Hürde werden, sodass die Vereinsführung nun die Reißleine zog. Ein doch recht heftiger Absturz für jemanden, der noch im Sommer als Wunschkandidat als Joachim Löws Co-Trainer der Nationalmannschaft galt (siehe dazu auch “Vor dem Spiel/Nach dem Spiel” in der ersten Schwächephase der Saison).

In Kienles anderthalb Jahren beim SVWW bestritt seine Mannschaft 56 Ligaspiele, von denen 22 gewonnen und 21 verloren wurden, 13 gingen unentschieden aus.

Neuer Trainer bis zum Saisonende ist Christian Hock, der einst mit dem SV Wehen aus der Regionalliga in die Zweite Liga aufstieg und zwei Jahre später in der Abstiegssaison entlassen wurde. Seit Anfang 2013 ist er als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums zurück beim SVWW und trainiert außerdem die U19-Mannschaft (schon damals unkte ich, dass mit ihm und Feichtenbeiner zwei Interimstrainer für den Fall der Fälle bereit stünden). Die U19 wird vertretungsweise von Nils Döring betreut. Selbst im günstigsten Fall wird Hock aber nur eine Interimslösung bleiben, denn es wurde von allen Seiten deutlich gemacht, dass er im Sommer zurück ins NLZ und zur U19 gehen wird. Sportdirektor Michael Feichtenbeiner ist aktuell auf der Suche nach Kandidaten für den Cheftrainerposten, die Kaderplanung wird solange auf Eis gelegt.

Wer bzw. wie soll der neue Trainer denn werden? Feichtenbeiner selbst sagt im Interview mit dfb.de:

Der neue Trainer muss die Konkurrenzsituation permanent hoch halten, über die gesamte Saison positiven Druck ausüben und auf Formschwankungen reagieren. Dafür ist es wichtig, dass sich die Emotionalität des Trainers auf die Mannschaft überträgt.

Klarer Hinweis, dass man die allzu ruhige und sachliche Art Kienles sowie die immer gleichen Aufstellungen als Schwachpunkt ausgemacht hat.

Der WK bringt mit Markus von Ahlen, Michael Wiesinger und Stephan Schmidt schon mal ein paar Namen ins Gespräch, aber ich kann natürlich nicht abschätzen, wieviel da dran sein könnte. Wiesinger hat immerhin schon Erstligaerfahrung und entstammt dem “legendären” 2011er-DFB-Trainerlehrgang. Interessant könnte meiner Meinung nach auch Achim Beierlorzer sein, der letztes Jahr als Jahrgangsbester den Trainerlehrgang abgeschlossen hat und aktuell interimsmäßig RB Leipzig trainiert, aber im Sommer wieder in den Nachwuchsbereich von RB zurückkehren soll. Wobei man ja nicht zwangsläufig nach den Jahrgangsbesten schielen sollte, wie Kollege Heinz Kamke schon vor einigen Jahren ausführte.

Ich persönlich würde ja nur zu gerne Lothar Matthäus die Chance geben zu beweisen, dass er nicht nur viel zu erzählen hat, sondern tatsächlich ein guter Trainer ist, aber realistischerweise hat er vermutlich kaum Interesse an der Dritten Liga. Außerdem war er seinerzeit ebenfalls Jahrgangsbester.

Das war’s

3. Liga, 32. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – SG Sonnenhof Großaspach 0:1

Das Spiel in maximal fünf Worten: Erneutes Schrottspiel beendet Ära Kienle.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Reichlich uninspiriertes Gekicke ohne jegliche Höhepunkte in der ersten Halbzeit. In der zweiten Halbzeit hoffte man auf der Tribüne auf einen offensiven Wechsel, um vielleicht etwas neuen Schwung reinzubringen – stattdessen kam Müller und eine Minute später stand es 0:1. Zugegeben, es ist ungerecht, das an ihm festzumachen, war wohl Wiemanns Fehler, aber es war irgendwie symptomatisch. In der Folge versuchte der SVWW etwas intensiver, zu eigenen Chancen zu kommen, blieb aber meist an der ordentlichen Defensive der Gäste hängen. Großaspach hatte mehrfach die Möglichkeit zur Entscheidung, scheiterte aber entweder an Kolke oder semmelte neben das Tor. Insgesamt einmal mehr ein grauenvoller Auftritt des SVWW

Liebling des Spiels: Gästetorwart Gäng, einfach nur für diesen coolen Namen.

Szene des Spiels: 77. Minute, nach einer Ecke landet der Ball über Schnellbacher und Vunguidica bei Acquistapace, der aus drei Metern an den Pfosten schießt. Besser wurde es nicht mehr.

Vor dem Spiel: Wies Marc Kienle ein “Auslaufenlassen der Saison” weit von sich, man wolle weiterhin jedes Spiel gewinnen. Meinetwegen könnte man in dieser Saisonphase auch die Ergebnisse völlig ignorieren, wenn man stattdessen mal was anderes wagt, also beispielsweise mal eine ganz neue Taktik probiert oder einigen Nachwuchsspielern eine Chance gibt, aber der gleiche Trott in der immer gleichen Aufstellung bringt halt auch wiederkehrende Ergebnisse.

Nach dem Spiel: War auch die zuvor grenzenlose erscheinende Geduld der Vereinsführung mit Kienle aufgebraucht: Er wurde am Sonntag vom Verein freigestellt. Bis zum Saisonende übernimmt mit Christian Hock ein alter Bekannter. Mehr dazu später.

Das fiel auf:
– Lustlos.
– Einfallslos.

Zuschauer: 2.077, davon ca. 100 Gästefans – interessanterweise mehr im Sitz- als im Stehplatzbereich.

Tabelle: Der SVWW rutscht auf Platz 10 ab, aber das ist mittlerweile auch egal.

Serien und Rekorde: Mit sieben Heimniederlagen stellt der SVWW seinen Negativrekord in der Dritten Liga ein (zuvor in der Saison 2009/10).

Ansonsten: Milchgesichtige Nachwuchsultras in schwarzgelben (!) Jäckchen mit der Aufschrift “Fanatische Saufkompanie” – dafuq?

Nächstes Spiel: Am nächsten Samstag um 14 Uhr bei der zweiten Mannschaft von Mainz 05, deren Trainer seit einigen Wochen mit Sandro Schwarz ebenfalls ein alter Bekannter ist. Gestern unterlagen die Nullfünfer bei Aufstiegskandidat Holstein Kiel, holten aber zehn Punkte aus den vorherigen vier Partien. Aktuell steht der Aufsteiger auf Platz 17.

Lockeres Auslaufen

3. Liga, 31. SpieltagJahn Regensburg – SV Wehen Wiesbaden 3:0

Das Spiel in maximal fünf Worten: Nach einer Stunde abgeschenkt.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
In der ersten Halbzeit ging es relativ munter hin und her mit Chancen auf beiden Seiten. Entscheidender Unterschied: der SVWW vergab seine Möglichkeiten bzw. scheiterte am gegnerischen Torwart, während die Gastgeber von der Wehener Defensive beinahe zum Toreschießen eingeladen wurden. Nach dem 3:0 früh in der zweiten Halbzeit hätte man das Spiel auch getrost abpfeifen können, denn es passierte einfach gar nichts mehr.

Liebling des Spiels: Marco Königs. Traf in anderthalb Jahren in Wiesbaden kein Scheunentor, um dann – natürlich – beim neuen Verein gleich ein paar Tore zu erzielen, so auch am Samstag gegen den SVWW zum 2:0. Gab außerdem die Vorlage zum 1:0.

Szene des Spiels: Königs’ Treffer zum 2:0. Sehr schönes Tor und ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass er den Ball höchstens einmal in hundert Versuchen exakt so trifft.

Vor dem Spiel: Hätte man angesichts der anderen Paarungen des Spieltags hoffen können, mit einem Sieg beim Schlusslicht nochmal ein bisschen was in der Tabelle gut zu machen. Falls es im Hessenpokal schiefgehen sollte, wäre ja auch Platz 4 noch sehr wertvoll, Stichwort DFB-Pokal.

Nach dem Spiel: Drängt sich eher der Eindruck auf, dass die restlichen Ligaspiele nur noch als lästige Pflichtaufgabe wahrgenommen werden.

Das fiel auf:
+ Der SVWW kam in der ersten Hälfte zu einer ganzen Reihe hochkarätiger Chancen.
– Die Chancenverwertung allerdings mal wieder unterirdisch.
– Die Defensivleistung ebenfalls grottig.
– Nach dem 3:0 kein bisschen Aufbäumen mehr, nicht mal ansatzweise das Bemühen wenigstens um den Ehrentreffer – sehr enttäuschend, wie man das Spiel über eine halbe Stunde lang einfach dahinplätschern ließ.

Zuschauer: 2.827, davon vermutlich das übliche Dutzend Gästefans.

Tabelle: Der SVWW rutscht auf Platz 9 ab, bis Platz 3 sind es mittlerweile zehn Punkte Rückstand, bis Platz 4 acht Punkte.

Serien und Rekorde: Seit fünf Jahren gelang dem SVWW kein Sieg mehr in Regensburg. So gesehen wäre ein Abstieg des Jahn kein Verlust.

Ansonsten: “Esst mehr Senf” – sehr sympathischer Slogan des Regensburger Trikotsponsors Händlmeier.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag um 14:00 Uhr zuhause gegen die SG Sonnenhof Großaspach. Der Aufsteiger ist seit der Rückkehr von Rüdiger Rehm auf den Cheftrainerposten ungeschlagen und wehrt sich wacker gegen den direkten Wiederabstieg. Die letzten drei Auswärtsspiele wurden gewonnen und zuhause gegen Cottbus, Münster und Kiel jeweils Unentschieden gespielt. Aktuell stehen die Schwaben auf Platz 16. Das Hinspiel gewann der SVWW mit 3:0 und war danach Tabellenführer. Lang ist’s her.

Veranstaltungshinweise

Länderspielwoche.

Der Ligabetrieb pausiert, nicht mal Hessenpokal findet am Wochenende statt. Da gibt es aber für den SV Wehen Wiesbaden ganz aktuell sowohl einen Halbfinalgegner, nämlich Hessen Kassel (nach einem 1:0-Sieg gegen Kickers Offenbach), als auch einen Termin, und zwar Mittwoch, den 29. April. Anstoß ist um 19:00 Uhr im Kasseler Auestadion. Das Halbfinale ist eigentlich schon das vorweggenommene Finale, denn der bereits feststehende Endspielgegner heißt VfB 1900 Gießen und spielt in der sechstklassigen Verbandsliga. Das Finale wird dieses und nächstes Jahr übrigens, unabhängig von den teilnehmenden Mannschaften, in der Wiesbadener Brita-Arena stattfinden – vielleicht etabliert sich da ein “hessisches Berlin”, was seinerseits ja das “deutsche Wembley” ist.

Wer sich auch abseits des Platzes mit Fußball unterhalten möchte, hat dazu in Kürze zwei hervorragende Gelegenheiten. Nächste Woche Donnerstag (2. April) ist mal wieder Ben Redelings mit seinem aktuellen Programm Ohne Fußball ist alles nichts! im Wiesbadener Kulturpalast zu Gast. Da werden sicher wieder unzählige launige Anekdoten aus der Bundesliga zum Besten gegeben. Ich selbst war schon zwei Mal bei den Scudetto-Abenden und habe mich prächtig amüsiert. Wer noch nicht da war, sollte die Gelegenheit ergreifen.

Der zweite Tipp ist die 11Freunde-Lesereise, die am 26. April im Frankfurter Hof in Mainz gastiert. Philipp Köster und Jens Kirschneck, Redakteure des bekannten Fußballmagazins 11Freunde, bringen Texte, Filme und sicher jede Menge Spaß mit. Frühere Lesereisen der beiden habe ich leider verpasst, aber diese lasse ich mir nicht entgehen.

Wer kommt mit?