Angenehme Ruhe

Es ist gerade ziemlich ruhig beim SV Wehen Wiesbaden. Das ist an sich schon mal eine gute Nachricht, denn ohne die legendäre Rettung in letzter Sekunde wäre es mit Sicherheit ziemlich unruhig geworden. Die meisten Spieler wären mangels gültiger Verträge (und mangels Interesse an Regionalliga) weg, der Trainer vielleicht auch, dazu als Sparmaßnahme diverse Mitarbeiter der Geschäftsstelle, kurz: man hätte nahezu komplett neu anfangen müssen. Ist aber glücklicherweise nicht passiert und so kann eben in Ruhe die neue Saison in der Dritten Liga geplant werden.

In den letzten Jahren wurde regelmäßig in der Sommerpause der halbe Kader ausgetauscht und gerade nach der letzten Saison hätte man vermuten können, dass es dieses Jahr erst Recht eine große Runderneuerung gebe, aber anscheinend ist das Gegenteil der Fall. Die Mannschaft wird wohl zum größten Teil zusammenbleiben und nur auf einigen Positionen verändert – so wie ich es mir schon oft nach den Saisons erhofft hatte, in denen man nicht ganz so weit hinter den Erwartungen zurückblieb und so mit einer gewissen personellen Kontinuität eine Weiterentwicklung der Mannschaft hätte ermöglichen können. Dass das nun passiert, kann ich mir nur damit erklären, dass Trainer Torsten Fröhling davon überzeugt ist, die meisten Spieler dazu zu bringen, ihr Potential regelmäßig abzurufen – und nicht nur sporadisch wie bisher.

Ein paar personelle Veränderungen wurden aber doch schon bekannt:

  • Marius Kleinsorge verlässt den Verein in Richtung SV Meppen (Regionalliga Nord) . Als er vor zwei Jahren zum SVWW kam, war man ganz stolz, da angeblich auch Borussia Dortmund und der FC Bayern an dem Spieler interessiert gewesen sein sollen (für ihre zweiten Mannschaften, versteht sich), und nach seinem tollen Debüt hoffte man auf eine steile Karriere. Leider folgten nur noch vier weitere Kurzeinsätze und da er in seinen zwei Jahren unter vier verschiedenen Trainern arbeiten durfte, muss man annehmen, dass es einfach nicht reichte.
  • Torsten Oehrl wechselt zum FC Bayern München II in die Regionalliga Bayern. Der Mann, der gefühlt die komplette Saison krank, verletzt oder beides und trotzdem mit acht Treffern Top-Torschütze (gemeinsam mit Luca Schnellbacher) war, hat erkannt, dass „das hohe Maß der dauerhaften körperlichen Belastung in der 3. Liga“ nichts mehr für ihn ist. Ob sein neuer Trainer Heiko Vogel, der einen erfahrenen Spieler für sein U23-Team suchte und das klare Ziel Aufstieg hat, Oehrl suggerierte, in der Regionalliga sei es nicht so anstrengend, ist nicht überliefert.
  • U19-Torwart Jan Albrecht bekommt einen Profivertrag und wird zum Profikader gehören, aber vermutlich noch regelmäßig in der U19 eingesetzt werden. Sollten nicht genügend Spieler für die U23-Regelung im Kader sein, werden wohl noch ein paar andere A-Jugendliche den Kader auffüllen dürfen.
  • Stürmer Stephané Mvibudulu von den Stuttgarter Kickers ist der erste externe Neuzugang und hat bei 1860 München schon mit Torsten Fröhling zusammengearbeitet. Ich gehe davon aus, dass der Trainer andere Qualitäten als seinen Torriecher an ihm schätzt, denn seine bisherige Bilanz (2. Liga: 9 Spiele / 0 Tore, 3. Liga: 16 Spiele / 1 Tor, Regionalliga Bayern: 65 Spiele / 7 Tore) deutet nicht unbedingt auf einen klassischen Knipser hin.
  • Mit Philipp Müller vom Hamburger SV wurde ein weiterer Offensivspieler verpflichtet. Vielleicht bringt er ja die spielgestalterischen Fähigkeiten mit, die seit Jahren vermisst werden. Zumindest ist auch er dem Trainer kein Unbekannter, denn Müller spielte schon unter Fröhling, als dieser noch die U17 des HSV trainierte.

Timm Golley, im Winter vom FSV Frankfurt ausgeliehen, wird wohl eher nicht bleiben (seine Rückennummer 7 bekommt Müller), bei einigen anderen Spielern, deren Verträge auslaufen (Daniel Wein, Thomas Geyer, Sebastian Mrowca), ist eine Verlängerung jedoch noch nicht vom Tisch. Zwar noch mit laufendem Vertrag, aber voraussichtlich ohne Einsatz in der kommenden Saison wird Christian Cappek bleiben, der sich eine Patellasehne gerissen hat und neun bis zwölf Monate ausfallen wird.

Warten wir mal ab, ob es tatsächlich bei den angekündigten kleineren Veränderungen am Kader bleibt oder ob nach und nach doch noch mehr Spieler gehen und kommen. In der vergangenen Saison war man auch bis zum letzten Tag der Transferperiode aktiv.

Die Teilnehmer der Dritten Liga der kommenden Saison stehen hingegen fest. Neben den direkten Aufsteigern Dresden und Aue verabschieden sich auch die Würzburger Kickers in die Zweite Liga, dafür begrüßen wir den SC Paderborn, den FSV Frankfurt und den MSV Duisburg. Aus den Regionalligen steigen Jahn Regensburg, der FSV Zwickau und die Sportfreunde Lotte auf und ersetzen den VfB Stuttgart II, Energie Cottbus und die Stuttgarter Kickers. Nebenbei: da keiner der beiden für die Aufstiegsspiele qualifizierten Teams aus der Regionalliga Südwest (Waldhof Mannheim und Elversberg) den Aufstieg geschafft hat, aber stattdessen die beiden Stuttgarter Mannschaften in diese Liga absteigen, mussten ganze fünf Mannschaften in die Oberliga absteigen. Trotzdem werden nächste Saison 19 Mannschaften teilnehmen – aus Wehener Sicht kann man sich nur immer wieder glücklich schätzen, dass der bittere Gang erspart blieb, denn aus der Regionalliga wieder hochzukommen, ist einfach brutal schwer. Aber das nur am Rande. Wer nochmal auf die vergangene Drittliga-Saison zurückblicken möchte, dem sei der ausführliche Artikel bei 120minuten empfohlen.

Und wo wir schon bei Link-Empfehlungen sind, die Kollegen von „Nur der FCM!“ haben Vereinshomepages, Blogs, Facebook- und Twitter-Accounts aller Drittligisten gesammelt – wer sich gezielt zu den anderen Teams informieren möchte, wird dort sicherlich fündig.

Zum Abschluss gilt es noch den Siegern unseres beliebten Tippspiels zu huldigen:

  • Mit 403 Punkten auf Platz 3 (schon wieder) und damit Gewinnerin eines Schmuckwimpels und Aufkleber-Sets: Sonja.
  • Mit 404 Punkten auf Platz 2 und damit Gewinner eines Schals „WIR GEMEINSAM. Gegen Rassismus“ sowie eines SVWW-Caps: Dominik.
  • Mit 408 Punkten auf Platz 1 und damit Gewinner eines Fan T-Shirts SVWW (rot): ween

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner und allen Teilnehmern vielen Dank fürs Mitmachen. Das Tippspiel wird es selbstverständlich auch in der kommenden Saison geben, die Teilnahme ist wie immer kostenlos und irgendwelche Preise werden wir auch wieder auftreiben.

Die nächsten paar Wochen wird hier im Blog – außer Transfer-Updates – nicht allzu viel passieren, da ich jetzt erst mal EM schauen und dann in Urlaub fahren werde. Euch allen einen schönen Sommer!

[Update 09.06.] Da ist schon der nächste Neue: Vladimir Kovac, Rechtsverteidiger von 1860 München und ebenfalls ein alter Bekannter von Torsten Fröhling.

[Update 10.06.] Mit Außenstürmer Jann Bangert und Innenverteidiger Michael Akoto haben zwei weitere Spieler aus der eigenen U19 einen Profivertrag unterschrieben. Ich hoffe sehr, dass sie nicht nur zur Erfüllung der U23-Regel in den Kader berufen werden, sondern auch tatsächlich ihre Chance bekommen. Wäre wirklich schön, endlich mal wieder Spieler aus dem eigenen Nachwuchs im Profiteam spielen zu sehen.

[Update 13.06.] Thomas Geyer wechselt nach Aalen. Schade eigentlich, ich fand ihn meistens recht ordentlich und hätte eine Vertragsverlängerung begrüßt. Verlängert wurde dafür mit Daniel Wein. Wie erwartet verlässt Timm Golley den Verein, ebenso Ersatztorwart Niklas Reichel.

[Update 16.06.] Ein neuer Zehner ist gefunden, oder zumindest jemand, der diese Rückennummer tragen darf. Robert Andrich, zentraler Mittelfeldspieler aus dem Nachwuchs von Hertha BSC, wechselt von Dynamo Dresden zum SVWW. Überraschung: er hat bisher noch nicht unter Torsten Fröhling trainiert.

[Update 17.06.] Auch im Trainer-Team gibt es Veränderungen. Co-Trainer Bernd Heemsoth, 2012 von Peter Vollmann geholt und nach dessen Entlassung auch mal für ein Spiel Interims-Chefcoach, wird „freigestellt“ und durch Thomas Kupper ersetzt. Dieser war, wenig überraschend, schon Fröhlings Co-Trainer bei 1860 München.

[Update 18.06.] Mit Manuel Schäffler von Holstein Kiel wurde ein Mittelstürmer der Kategorie „groß und kantig“ verpflichtet. Dieses Modell hat zwar trotz zahlreicher Versuche seit Ronny König nicht mehr beim SVWW funktioniert, aber irgendwann muss es ja mal klappen.

Das Wunder von Wiesbaden

3. Liga, 38. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – VfB Stuttgart II 3:1 (Tore: Oehrl, Schnellbacher, Mintzel)

Das Spiel in maximal fünf Ws: Wehen. Wiesbaden. Wunder. Wahnsinn. Weinen.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Die Ausgangslage war bekannt und sie war nicht gut: selbst mit einem eigenen Sieg war man darauf angewiesen, dass mindestens zwei der drei vor dem SVWW liegenden Teams Werder Bremen, Energie Cottbus und Stuttgarter Kickers „mitspielen“ würden. Andersherum gesagt: man war auf Schützenhilfe von Aalen, Mainz und Chemnitz angewiesen – lauter Teams, für die es um nicht mehr als einen ordentlichen Saisonabschluss ging.

Der SVWW war bemüht, seine Hausaufgaben so schnell wie möglich zu erledigen, und nachdem Schnellbacher schon eine erste sehr gute Chance versemmelt hatte, traf Oehrl nach einer Viertelstunde zur umjubelten Führung. Bei den anderen Partien stand es noch 0:0 und meinetwegen hätte sich daran auch nichts mehr ändern müssen.

Tat es aber natürlich. Nach einem Doppelschlag lag Bremen plötzlich 2:0 in Führung, was bedeutete, dass Wehen zwei Tore brauchte, um Bremen in der Tordifferenz zu überholen. Meine Hoffnung auf Aalen war dahin, aber immerhin stand es in den anderen beiden Spielen zur Halbzeit noch 0:0 und in Wiesbaden blieb es beim 1:0, weil Kolke kurz vor der Pause einen sehr guten Freistoß aus dem Winkel fischte.

Die zweite Halbzeit begann mit guten Nachrichten: 1:0 für Mainz in Cottbus, Aalen mit dem 1:2 gegen Bremen – der SVWW benötigte nur noch ein Tor, um wieder über den Strich zu klettern. Wehen bemühte sich redlich und hatte gute Chancen, die Führung auszubauen, aber alle Gelegenheiten wurden mehr oder weniger kläglich vergeben. Wie sollten angesichts der Horrorstatistik (sechs Tore in den 16 Spielen seit der Winterpause, kein Spiel mit mehr als einem Treffer) hier nur bloß weitere Tore gelingen?

Dann Cottbus mit dem Ausgleich, der SVWW hatte es also wiederum nicht mehr in der Hand.

Zu allem Unglück gab es nach einem eher unglücklichen Foul von Wein auch noch Elfmeter für Stuttgart. Verwandelt, 1:1, und gleichzeitig die Führung für Cottbus – mittlerweile würde ein kleines Fußballwunder schon nicht mehr reichen, da musste schon ein größeres her.

Fünf Minuten nach diesem Tiefschlag, die letzten zehn Minuten der Saison waren schon angebrochen, wieder eine Flanke in den Strafraum: der unermüdliche, aber glücklose Schnellbacher steigt zum Kopfball hoch und kollidiert dabei mit dem Torwart, der den Ball nicht zu fassen bekommt, Schnellbacher dreht sich und schießt den Ball ins Netz. Kurze Verunsicherung, war das ein Foul?, nein, der Schiri gibt den Treffer, die erneute Führung, wieder Hoffnung, aber das reichte ja alles noch nicht. Von geordnetem Spiel war beim SVWW schon längst nichts mehr zu sehen, nur noch lange Schläge nach vorne, irgendwie musste noch ein Tor her, und was war verdammt nochmal bei den anderen Spielen los?

Schlussphase und die Ereignisse überschlugen sich völlig. Führung für Chemnitz! Ausgleich in Cottbus!! Führung für Mainz in Cottbus!!! Plötzlich spielte alles für den SVWW – aber reichte das? Nein, ein Tor fehlte immer noch, die leidige Tordifferenz. Nachspielzeit, Kolke ist mit vorne, irgendwie muss doch der Ball ins Netz, aber wieder abgewehrt, der Stuttgarter Konter läuft, wird aber gut verteidigt, Freistoß für den SVWW in der eigenen Hälfte, wieviel Zeit bleibt noch? Der letzte lange Ball landet irgendwie bei Mintzel – was macht der Linksverteidiger denn überhaupt auf rechts außen und wieso steht der völlig frei? -, er legt sich den Ball auf den rechten Fuß – der linke ist doch sein starker?! – und trifft! Mintzel mit dem 3:1, völlige Eskalation auf dem Platz und den Tribünen. Der Schiedsrichter lässt tatsächlich nochmal anstoßen – was soll das, pfeif doch einfach ab! -, aber direkt danach ist das Spiel zu Ende. Was ist mit den anderen Spielen, wieso aktualisiert das scheiß Handy nicht? Ich selbst und alle um mich herum sind nervlich völlige Wracks, kann das alles wahr sein? JAAAAA, die anderen Spiele sind bereits abgepfiffen, der SV Wehen Wiesbaden rettet sich in letzter Sekunde und bleibt in der dritten Liga.

Liebling des Spiels: 

Szene des Spiels: 

Ach, schaut es Euch doch selbst an… oder am besten gleich die komplette Konferenzübertragung der zweiten Halbzeit.

Vor dem Spiel: 

Nach dem Spiel: 

Trainer Torsten Fröhling hat im Interview nach dem Spiel übrigens bestätigt, dass er bleiben wird. Danke, Coach!

Das fiel auf:
+++ Bis zur buchstäblich letzten Sekunde hat das ganze Team gekämpft und wurde nach dieser missratenen Saison doch noch belohnt.
(Die gewohnt sachlichen Analysen müssen diesmal leider entfallen.)

Zuschauer: 2.265, davon etwa 20 Gästefans (die dafür aber zehn Fahnen dabei hatten).

Tabelle: Der SVWW schließt die Saison auf Platz 16 ab. Erstmals seit Bestehen der dritten Liga reichen 41 Punkte nicht für den Klassenerhalt, die Stuttgarter Kickers erwischt es sogar mit 43 Punkten:

PlatzVereinSUNToreTordiff.Punkte
16SV Wehen Wiesbaden9161335:48-1343
17Werder Bremen II11101742:56-1443
18Stuttgarter Kickers11101738:52-1443
19Energie Cottbus9141532:52-2041
20VfB Stuttgart II7102138:63-2531

Serien und Rekorde: Zum ersten mal seit Dezember mehr als ein Tor für den SVWW, zum ersten mal in der gesamten Saison zwei Siege hintereinander. Beides war bitter nötig.

Ansonsten: Ex-Nationalspieler Cacau genoss es ganz offensichtlich, sich vor der tobenden Nordwand aufzuwärmen. Schön, dass er noch eingewechselt wurde und sein vermutlich letztes Spiel als Profi bestreiten durfte. Noch schöner natürlich, dass er nicht auch noch ein Tor erzielt hat.

Nächstes Spiel: Die neue Saison beginnt am 30. Juli, vorher wird es sicher einige Testspiele geben, aber jetzt bin ich erst mal froh, dass die Saison 2015/16 Geschichte ist.

Herzschlagfinale

Nach den jüngsten deprimierenden Ergebnissen, wenn ich den SV Wehen Wiesbaden live auf einem Bildschirm sah, fiel es mir am Samstag nicht schwer, die Kiste auszulassen bzw. schnell wieder auszuschalten, und stattdessen das schöne Wetter am Meer zu genießen und mit meiner Tochter eine Sandburg zu bauen. Der Aberglaube funktionierte insoweit, als dass dem SVWW in Großaspach erstaunlicherweise der zweite Auswärtssieg der Saison gelang. Wie man so liest auch durchaus verdient, selbst wenn der siegbringende Elfmeter von Steven Ruprecht nur mit etwas Glück seinen Weg ins Tor fand.

Dieses 1:0 war allerdings auch zwingend notwendig, um die Chance auf den Ligaverbleib noch bis zum letzten Spieltag zu wahren, denn die direkten Konkurrenten Cottbus (in Erfurt) und Werder Bremen II (gegen die Stuttgarter Kickers) gewannen ihre Spiele ebenfalls jeweils 1:0, sodass sich auf den Plätzen 17 bis 19 rein gar nichts änderte. Der SVWW ist weiterhin Vorletzter, davor Bremen mit identischer Punktezahl und Tordifferenz, allerdings mit den mehr geschossenen Toren. Auf dem rettenden Platz über dem Strich steht Cottbus mit einem Zähler Vorsprung und nochmal zwei Punkte davor die Stuttgarter Kickers, die somit auch noch in Abstiegsgefahr sind. Der VfB Stuttgart II steht bereits seit letzter Woche als Absteiger fest.

PlatzVereinSUNToreTordiff.Punkte
16Stuttgarter Kickers11101638:51-1343
17Energie Cottbus9141430:49-1941
18Werder Bremen II10101740:55-1540
19SV Wehen Wiesbaden8161332:47-1540
20VfB Stuttgart II7102037:60-2331

Klar ist also, dass der SVWW sein Schicksal am letzten Spieltag nicht in der eigenen Hand hat, sondern auf Patzer der Konkurrenz angewiesen sind, genauer: mindestens zwei der drei besser platzierten Mannschaften müssen „mitmachen“. Einen eigenen Sieg vorausgesetzt, muss der SVWW um ein Tor höher als Bremen gewinnen, Cottbus darf nicht gewinnen und die Kickers müssten verlieren, wobei auch hier die Tordifferenz ins Spiel käme. Theoretisch würde dem SVWW sogar ein Unentschieden genügen, falls Cottbus und Bremen beide verlören, aber mit dem Gedanken brauchen wir uns wohl nicht länger aufhalten.

Die entscheidenden Begegnungen sind:

  • SVWW – VfB Stuttgart II: Gegen wen, wenn nicht den abgeschlagenen Tabellenletzten, kann ein deutlicher Sieg gelingen? Das Toreschießen ist bekanntlich das ganz große Problem und demzufolge gab es im gesamten Kalenderjahr 2016 noch keine Ligapartie mit mehr als einem Wehener Treffer, aber gegen den Absteiger müssen mindestens zwei Tore her.
  • VfR Aalen – Werder Bremen II: Aalen, der Zweitligaabsteiger der letzten Saison, trudelt mit dem Ex-SVWW-Trainer Peter Vollmann seit geraumer Zeit so dahin und ist sicher froh, dass ein Spieltag vor Schluss mit 44 Punkten die Klasse gesichert ist. Völlig zerreißen werden sie sich wohl nicht mehr, aber vielleicht mit einer ordentlichen Leistung vor eigenem Publikum die Saison halbwegs versöhnlich beenden wollen. Bremen ist (knapp vor dem SVWW) das zweitschlechteste Auswärtsteam der Liga, ist aber in nahezu identischer Lage wie Wehen und muss gewinnen, natürlich so hoch wie möglich.
  • Energie Cottbus – 1. FSV Mainz II: Cottbus kann mit einem Sieg aus eigener Kraft Platz 17 verteidigen, hat allerdings die schlechteste Heimbilanz aller Drittligisten. Mainz hat nach ganz starker Hinrunde in der zweiten Saisonhälfte deutlich nachgelassen und bis letzten Samstag acht Spiele hintereinander nicht gewonnen. Mit einem deutlichen 4:0 gegen Hansa Rostock wurde am vergangenen Wochenende der Klassenerhalt aber gesichert. Ob sich das Team von Sandro Schwarz in Cottbus gegen sicherlich leidenschaftlich kämpfende Gastgeber und ein frenetisches Publikum nochmal richtig reinhaut? Oder verkrampft Energie und Mainz spielt sogar befreit auf?
  • Stuttgarter Kickers – Chemnitzer FC: Die Kickers waren lange Tabellenschlusslicht, haben sich aber aus dem Keller herausgearbeitet und hätten mit einem Unentschieden in Bremen schon den Sack zumachen können. Stattdessen benötigen sie noch einen Punkt gegen Chemnitz, die als Tabellensiebter formal der Favorit sind, aber für die es nur noch um die Frage geht, ob sie die Saison auf Platz 6, 7 oder 8 beenden.

Vermutlich werden am Samstag viele Besucher der Brita-Arena mehr auf ihre Smartphones als auf das Spielfeld starren, um die Ergebnisse der anderen Partien und die Live-Tabelle zu verfolgen. Nüchtern betrachtet schaut es aktuell nicht besonders gut aus. Es könnte durchaus passieren, dass der SVWW sein Heimspiel mehr oder weniger deutlich gewinnt, am Ende aber trotzdem nicht über Platz 18 oder 19 hinauskommt und in die Regionalliga absteigen muss. Der SVWW benötigt also ein kleines bis mittleres Fußballwunder. Aber gerade um diese Jahreszeit kommen solche Fußballwunder ja immer wieder mal vor.

Auch hinter dunklen Wolken scheint die Sonne.
Auch hinter dunklen Wolken scheint die Sonne.

Was ist schlimmer als Siegen?

Hessenpokal, FinaleSV Wehen Wiesbaden – Kickers Offenbach 1:2 (Tor: Oehrl)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Raus ohne Applaus.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Kaum, dass die Partie mit gut zehnminütiger Verspätung angepfiffen wurde (s. u.), stand es auch schon 1:0 für den Regionalligisten. Pezzoni wurde im Zweikampf hart, aber zumindest nach Ansicht des Schiedsrichters regelkonform bedrängt und verlor den Ball, sodass sein Gegenspieler frei vor Kolke auftauchte und zur Führung traf. Der SVWW konnte diese allerdings schon wenige Minuten später egalisieren: langer Einwurf Lorenz, Kopfballverlängerung, trockener Abschluss von Oehrl aus etwa zehn Meter Torentfernung. Danach passierte lange nicht mehr viel vor den Toren, beide Mannschaften rieben sich in Zweikämpfen auf. In der zweiten Halbzeit gab es noch die eine oder andere Torchance auf beiden Seiten und es waren die Kickers in Person des Ex-Weheners Martin Röser, die eine nutzten: Steilpass aus dem Mittelfeld, zuviel Platz, ein Sprint und ein Beinschuss für Kolke, 1:2, der Endstand. Der OFC, ohnehin schon Rekordsieger dieses Wettbewerbs, gewinnt den Hessenpokal und darf in der kommenden Saison im DFB-Pokal antreten, während der SVWW mal wieder seiner zumindest auf dem Papier vorhandenen Favoritenstellung nicht gerecht wird.

Liebling des Spiels: Patrick Mayer. Gab nach monatelanger Verletzungspause sein Comeback. Ich bin nicht sicher, ob er auch nur einmal am Ball war, aber wenn er dafür am Samstag den Siegtreffer erzielt, hätte sich seine Verpflichtung doch noch gelohnt.

Szene des Spiels: Mitte der ersten Halbzeit, Marc Lorenz hat bereits Gelb gesehen und bekommt nach einem weiteren Foul vom Schiri die klare Ansage: „Beim nächsten mal fliegst Du!“. Trainer Fröhling reagiert umgehend und bringt Alf Mintzel.

Vor dem Spiel:
Ein Finale auf neutralem Platz zwischen zwei Teams aus dem Rhein-Main-Gebiet vergibt man wohin? Natürlich möglichst weit weg, in diesem Fall nach Haiger, kurz vor Siegen, in den äußersten Nordwestzipfel Hessens. Und legt das ganze am besten auf einen der verkehrsreichsten Tage des Jahres, damit die anreisenden Fans die Strecke auch so lange wie es nur geht auskosten können. Während unsere Autobesatzung es gerade rechtzeitig zur geplanten Anstoßzeit ins Stadion schaffte, hatte der Fanbus weniger Glück. Nachdem das ursprüngliche Fahrzeug defekt war und der Ersatzbus erst eine Stunde später starten konnte, wurde der Anpfiff um zehn Minuten verschoben. Trotzdem traf ein Großteil des Wehener Anhangs erst ein, als es schon 1:1 stand. Nochmals schönen Dank an den HFV.

Nach dem Spiel: 

Das fiel auf:
– Selbst in Bestbesetzung ist man nicht besser als ein Regionalligist. Kann man sich schon mal an die Zukunft gewöhnen.

Zuschauer: 2.300, davon etwa zwei Drittel Offenbacher und etwa 200 Wehener.

Ansonsten: Eine tolle digitale Anzeigetafel gibt es da im „SIBRE-Sportzentrum Haarwasen“. Noch toller wäre es, wenn sie auch die Spielzeit anzeigen könnte.

Nächstes Spiel: Am morgigen Samstag um 13:30 Uhr bei Sonnenhof Großaspach. Das zwischenzeitlich akute Thema „Aufstieg“ hat sich bei den Schwaben mittlerweile erledigt, aber Platz 4 ist noch in Reichweite, sodass sie auch gegen den SVWW nichts zu verschenken haben. Falls der SVWW verlieren und zeitgleich Energie Cottbus in Erfurt gewinnen sollte, wäre der Abstieg in die Regionalliga sicher. Im Hinspiel trennte man sich 2:2.

Am seidenen Faden

3. Liga, 36. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – SC Preußen Münster 0:2

Das Spiel in maximal fünf Worten: Immer derselbe Mist.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Wie schon so oft war der SVWW engagiert, kam auch zu ein paar Torchancen, trifft aber einfach die Bude nicht. Dem Gegner, in diesem Fall Münster, genügen wenige Gelegenheiten, um als Sieger vom Platz zu gehen. Der Absturz in die Regionalliga rückt näher.

Liebling des Spiels: David Blacha. Enormes Pensum, vorne wie hinten zu finden, immer anspielbar. Leider war auch sein Torschuss nach Solo letztlich zu ungefährlich.

Szene des Spiels: 22. Minute, Preußen-Stürmer Hoffmann steht plötzlich frei vor Kolke und trifft zur Führung. Beim Zusammenprall mit Kolke verletzt sich Hoffmann aber schwer am Knie und muss sofort ins Krankenhaus. Dumm, dass vor dem Zuspiel die SVWW-Abwehr wegen eines vermeintlichen Abseitspfiffs stehen geblieben war, der Pfiff aber aus dem Fanblock kam. Darf natürlich keine Entschuldigung sein, denn im Zweifelsfall sollten die Verteidiger eben noch ein paar Sekunden weiterspielen, aber der Trottel mit der Pfeife (der auch schon vor zwei Wochen genervt hat) braucht bitte nicht wiederkommen.

Vor dem Spiel: (Zweck-)optimistisch, dass zwei Heimsiege zum Klassenerhalt reichen müssten.

Nach dem Spiel: Ist klar, dass die beiden letzten Spiele (nächste Woche in Großaspach und dann zuhause gegen den VfB Stuttgart) gewonnen werden müssen.

Das fiel auf:
+ Der Einsatz stimmte über lange Zeit.
– Die letzte Viertelstunde war dann aber von einem Aufbäumen gegen die Niederlage nicht mehr viel zu spüren, dabei stand es nur 0:1. Das 0:2 kurz vor Schluss war dann nur folgerichtig.
+/- Chancen waren da, zwar nicht im Übermaß, aber genügend, um ein Spiel zu gewinnen. Man müsste halt nur mal treffen.

Zuschauer: 2.814, davon ca. 700-800 Gästefans. Die niedrige Gesamtzahl verwunderte mich, denn es wirkte gerade auf der Nordtribüne deutlich voller als zuletzt.

Tabelle: Weiterhin Vorletzter. Zum Glück haben Bremen und Cottbus ebenfalls verloren, sodass der Rückstand auf den rettenden Platz 17 weiterhin nur einen Punkt beträgt. Der VfB Stuttgart II steht als Absteiger fest.

Serien und Rekorde: In 15 Spielen seit der Winterpause hat der SVWW ganze fünf Tore erzielt. Weisste Bescheid.

Ansonsten: Mitte der ersten Halbzeit konnte Marc Lorenz sein Kunststück aus der Hinrunde wiederholen, nämlich einen Freistoß aus 30 Metern Torentfernung übers Tribünendach zu bolzen. Das macht ihm so schnell keiner nach.

Nächstes Spiel: Am kommenden Mittwoch findet um 19:30 Uhr das Hessenpokalfinale gegen Kickers Offenbach statt. Warum das in Haiger, jeweils über 100 km von beiden teilnehmenden Vereinen entfernt, stattfinden muss, weiß wohl nur ein sehr exklusiver Zirkel beim HFV. Mit einem Sieg könnte man sich für den DFB-Pokal qualifizieren und nochmal Schwung für die beiden letzten Ligaspiele mitnehmen, aber bei einer Niederlage droht neben der Blamage auch noch das letzte bisschen Selbstvertrauen zu schwinden. Schwierig.