Das Wunder von Wiesbaden

3. Liga, 38. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – VfB Stuttgart II 3:1 (Tore: Oehrl, Schnellbacher, Mintzel)

Das Spiel in maximal fünf Ws: Wehen. Wiesbaden. Wunder. Wahnsinn. Weinen.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Die Ausgangslage war bekannt und sie war nicht gut: selbst mit einem eigenen Sieg war man darauf angewiesen, dass mindestens zwei der drei vor dem SVWW liegenden Teams Werder Bremen, Energie Cottbus und Stuttgarter Kickers “mitspielen” würden. Andersherum gesagt: man war auf Schützenhilfe von Aalen, Mainz und Chemnitz angewiesen – lauter Teams, für die es um nicht mehr als einen ordentlichen Saisonabschluss ging.

Der SVWW war bemüht, seine Hausaufgaben so schnell wie möglich zu erledigen, und nachdem Schnellbacher schon eine erste sehr gute Chance versemmelt hatte, traf Oehrl nach einer Viertelstunde zur umjubelten Führung. Bei den anderen Partien stand es noch 0:0 und meinetwegen hätte sich daran auch nichts mehr ändern müssen.

Tat es aber natürlich. Nach einem Doppelschlag lag Bremen plötzlich 2:0 in Führung, was bedeutete, dass Wehen zwei Tore brauchte, um Bremen in der Tordifferenz zu überholen. Meine Hoffnung auf Aalen war dahin, aber immerhin stand es in den anderen beiden Spielen zur Halbzeit noch 0:0 und in Wiesbaden blieb es beim 1:0, weil Kolke kurz vor der Pause einen sehr guten Freistoß aus dem Winkel fischte.

Die zweite Halbzeit begann mit guten Nachrichten: 1:0 für Mainz in Cottbus, Aalen mit dem 1:2 gegen Bremen – der SVWW benötigte nur noch ein Tor, um wieder über den Strich zu klettern. Wehen bemühte sich redlich und hatte gute Chancen, die Führung auszubauen, aber alle Gelegenheiten wurden mehr oder weniger kläglich vergeben. Wie sollten angesichts der Horrorstatistik (sechs Tore in den 16 Spielen seit der Winterpause, kein Spiel mit mehr als einem Treffer) hier nur bloß weitere Tore gelingen?

Dann Cottbus mit dem Ausgleich, der SVWW hatte es also wiederum nicht mehr in der Hand.

Zu allem Unglück gab es nach einem eher unglücklichen Foul von Wein auch noch Elfmeter für Stuttgart. Verwandelt, 1:1, und gleichzeitig die Führung für Cottbus – mittlerweile würde ein kleines Fußballwunder schon nicht mehr reichen, da musste schon ein größeres her.

Fünf Minuten nach diesem Tiefschlag, die letzten zehn Minuten der Saison waren schon angebrochen, wieder eine Flanke in den Strafraum: der unermüdliche, aber glücklose Schnellbacher steigt zum Kopfball hoch und kollidiert dabei mit dem Torwart, der den Ball nicht zu fassen bekommt, Schnellbacher dreht sich und schießt den Ball ins Netz. Kurze Verunsicherung, war das ein Foul?, nein, der Schiri gibt den Treffer, die erneute Führung, wieder Hoffnung, aber das reichte ja alles noch nicht. Von geordnetem Spiel war beim SVWW schon längst nichts mehr zu sehen, nur noch lange Schläge nach vorne, irgendwie musste noch ein Tor her, und was war verdammt nochmal bei den anderen Spielen los?

Schlussphase und die Ereignisse überschlugen sich völlig. Führung für Chemnitz! Ausgleich in Cottbus!! Führung für Mainz in Cottbus!!! Plötzlich spielte alles für den SVWW – aber reichte das? Nein, ein Tor fehlte immer noch, die leidige Tordifferenz. Nachspielzeit, Kolke ist mit vorne, irgendwie muss doch der Ball ins Netz, aber wieder abgewehrt, der Stuttgarter Konter läuft, wird aber gut verteidigt, Freistoß für den SVWW in der eigenen Hälfte, wieviel Zeit bleibt noch? Der letzte lange Ball landet irgendwie bei Mintzel – was macht der Linksverteidiger denn überhaupt auf rechts außen und wieso steht der völlig frei? -, er legt sich den Ball auf den rechten Fuß – der linke ist doch sein starker?! – und trifft! Mintzel mit dem 3:1, völlige Eskalation auf dem Platz und den Tribünen. Der Schiedsrichter lässt tatsächlich nochmal anstoßen – was soll das, pfeif doch einfach ab! -, aber direkt danach ist das Spiel zu Ende. Was ist mit den anderen Spielen, wieso aktualisiert das scheiß Handy nicht? Ich selbst und alle um mich herum sind nervlich völlige Wracks, kann das alles wahr sein? JAAAAA, die anderen Spiele sind bereits abgepfiffen, der SV Wehen Wiesbaden rettet sich in letzter Sekunde und bleibt in der dritten Liga.

Liebling des Spiels: 

Szene des Spiels: 

Ach, schaut es Euch doch selbst an… oder am besten gleich die komplette Konferenzübertragung der zweiten Halbzeit.

Vor dem Spiel: 

Nach dem Spiel: 

Trainer Torsten Fröhling hat im Interview nach dem Spiel übrigens bestätigt, dass er bleiben wird. Danke, Coach!

Das fiel auf:
+++ Bis zur buchstäblich letzten Sekunde hat das ganze Team gekämpft und wurde nach dieser missratenen Saison doch noch belohnt.
(Die gewohnt sachlichen Analysen müssen diesmal leider entfallen.)

Zuschauer: 2.265, davon etwa 20 Gästefans (die dafür aber zehn Fahnen dabei hatten).

Tabelle: Der SVWW schließt die Saison auf Platz 16 ab. Erstmals seit Bestehen der dritten Liga reichen 41 Punkte nicht für den Klassenerhalt, die Stuttgarter Kickers erwischt es sogar mit 43 Punkten:

PlatzVereinSUNToreTordiff.Punkte
16SV Wehen Wiesbaden9161335:48-1343
17Werder Bremen II11101742:56-1443
18Stuttgarter Kickers11101738:52-1443
19Energie Cottbus9141532:52-2041
20VfB Stuttgart II7102138:63-2531

Serien und Rekorde: Zum ersten mal seit Dezember mehr als ein Tor für den SVWW, zum ersten mal in der gesamten Saison zwei Siege hintereinander. Beides war bitter nötig.

Ansonsten: Ex-Nationalspieler Cacau genoss es ganz offensichtlich, sich vor der tobenden Nordwand aufzuwärmen. Schön, dass er noch eingewechselt wurde und sein vermutlich letztes Spiel als Profi bestreiten durfte. Noch schöner natürlich, dass er nicht auch noch ein Tor erzielt hat.

Nächstes Spiel: Die neue Saison beginnt am 30. Juli, vorher wird es sicher einige Testspiele geben, aber jetzt bin ich erst mal froh, dass die Saison 2015/16 Geschichte ist.

Klaus Jürgen Wilhelm

Man muss an dieser Stelle auch einmal den drei Vereinen (1.FSV Mainz 05 U23, Chemnitzer FC und VfR Aalen) für ihr
Fair Play danken. Alle drei hätten die Saison ja auch locker auslaufen lassen können (siehe RB Leipzig gestern in Duisburg).
Aber alle drei haben bis zum Schluss 100 % gegeben. Nur so war das “Wunder” möglich. DANKE !!!

Gunnar

Klar. Man könnte auch noch den unberechtigen Elfer für Cottbus erwähnen, ohne den es vielleicht gar nicht mehr so spannend geworden wäre. Oder über die Stuttgarter Kickers spotten, die das 0:1 kurz vor Schluss verteidigen wollten, weil sie mehr Angst vor dem 0:2 als vor einem Wehener Treffer hatten. Es gibt oder gäbe genug rund um den Spieltag zu erzählen, aber leider ist es in der überregionalen Berichterstattung allenfalls eine Randnotiz.

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