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Der Blog zum SV Wehen Wiesbaden

Stehblog - Der Blog zum SV Wehen Wiesbaden

Der Aufstieg muss her

Was Spitzenfußball angeht, ist Wiesbaden ein völlig traditionsfreier Standort, da brauchen wir uns nichts vormachen. Es gibt mit Bonn nur noch eine Stadt in Deutschland mit größerer Einwohnerzahl, die niemals einen Erstligisten beheimatete. Nüchtern betrachtet ist es ein glatter Skandal, dass Provinznester wie beispielsweise Homburg oder Kaiserslautern jahrelang ganz oben mitspielen durften, letztere sogar mit erstaunlichen Erfolgen, während hier versucht wird, einem Springreiten und Volleyball als ganz große Nummer zu verkaufen. Glücklicherweise hat sich vor einigen Jahren der SV Wehen von der anderen Seite des Taunuskamms herüberbequemt, sodass wir in der Landeshauptstadt plötzlich in den Genuss von Zweitligafußball kamen. Das Glück währte zwar nicht allzu lange und so versucht der SV Wehen Wiesbaden mittlerweile im sechsten Jahr, in die 2. Bundesliga zurückzukehren. Ob es dieses Jahr klappt, bleibt abzuwarten, aber es steht zweifelsfrei fest, dass es angemessen wäre.

Stephan vom Paderborn-Blog Schwarz und Blau hat kürzlich nämlich die Bundesliga-Formel entdeckt, mit der man präzise berechnen kann, wer in die Bundesliga gehört und wer nicht. Sie lautet:

Bundesliga-Faktor = (2014 – Gründungsjahr des Vereins + Meisterschaften DFB bzw. DFV) * Einwohnerzahl

Bei einem Gründungsjahr von 1926, 0 Meisterschaften und einer Einwohnerzahl von 302.386 (Wiesbaden 273.871 + Taunusstein 28.515, Stand 31.12.2013) ergibt das einen Faktor von 26.609.968. Das reicht nicht ganz für die höchste Spielklasse, aber ein solider Startplatz für die zweite Liga ist das allemal.

Es hilft also nix, der Aufstieg muss her.

Una notte magica

Aufmerksame Blogleser werden schon bemerkt haben, dass ich zuweilen den FC Bayern München zu Europapokalauswärtsspielen begleite. Am liebsten würde ich das natürlich ständig tun, aber es gibt nun mal gewisse Randbedingungen hinsichtlich Familie, Berufstätigkeit, Verfügbarkeit von Eintrittskarten und Reisemöglichkeiten usw., Sie wissen schon. Immerhin komme ich im Schnitt auf etwa eine derartige Reise pro Saison und heuer ging es nach Rom zum Champions-League-Vorrundenspiel bei der ortsansässigen Sportvereinigung, bekannt als AS Roma.

Da auch gerade Herbstferien waren, bot es sich an, die Familie mitzunehmen und gemeinsam ein paar Tage im schönen Italien zu verbringen. Wir reisten schon samstags an und ich verzichtete dafür sogar darauf, die Heimniederlage des SV Wehen Wiesbaden gegen die Mainzer U23 anzuschauen. Der Plan, den Kurzurlaub vor das Spiel in Rom zu legen, stellte sich als weise heraus, denn ansonsten hätte uns der Pilotenstreik die Anreise gehörig vermasselt.

Nach ein paar wunderbaren Tagen weiter im Süden machte ich mich also auf dem Weg zum Olimpico, das rote Trikot noch etwas verschämt ins Jäckchen eingewickelt (ich gebe zu, ich traute mich nicht es offen zu tragen, solange ich noch alleine unterwegs war, man hört ja so einiges) und zwei Tickets in der Tasche, wobei mir klar war, dass ich auf dem zweiten wohl sitzen bleiben würde. Zum Zeitpunkt der Kartenbestellung war ein Kollege noch interessiert, aber bis er schließlich absagte, war die Bekannte, die noch dringend auf der Suche war, schon versorgt und es gab im Gegenteil sogar zahlreiche Angebote. Die zwischenzeitliche Überlegung mit Frau und Kind zum Spiel zu gehen, verwarfen wir wieder, schließlich ist eine Vierjährige eher noch nicht Fanblock-kompatibel, zumal es auch absehbar spät werden würde, was dann weder für Kind noch Eltern ein Vergnügen wäre.

Am Stadion angekommen war man, sofern man sich als Bayern-Anhänger zu erkennen gab, noch lange nicht am Stadion angekommen. Die freundlichen Sicherheitskräfte leiteten die Rotgekleideten in einem enormen Bogen ums Stadion herum, wobei die Ansage “next bridge” nicht, wie zunächst vermutet, eine komische Bezeichnung für die nächstgelegene Fußgängerampel war, sondern tatsächlich die nächste Brücke, nämlich über den Tiber, meinte. Dort wurden wir erst mal gesammelt und dann von Polizei und italienischen Fanbetreuern in einem tüchtigen Fußmarsch vorbei am Außenministerium schließlich zum Gästeeingang des Stadions geführt. Wie erwartet ergab sich keine Gelegenheit mehr, das übrige Ticket zum Verkauf anzubieten, und ebenfalls wie erwartet war die obligatorische “Personalisierung” der Karten, die sich in mit Kugelschreiber auf die Rückseite geschriebenen Namen manifestierte, ziemlich witzlos, zumindest sah ich keine einzige Kontrolle, wo der Name mit einem Ausweis abgeglichen wurde. Naja, kennt man ja schon von anderen Gelegenheiten.

Durch die relativ späte Ankunft im Stadion und des entsprechend schon reichlich gefüllten Gästeblocks war es dann relativ zwecklos, die ebenfalls anwesenden Bekannten zu suchen, sodass ich mit dem kleinen Grüppchen, das ich auf dem Marsch durchs abendliche Rom kennengelernt hatte, zusammenblieb. Es stellte sich übrigens heraus, dass es sich dabei um die Besatzung des Sonderflugs von FC Bayern Tours handelte. Darüber, dass ein Teil der Kabinencrew sich aufs Fotografieren per iPad statt aufs Spiel konzentrierte, sah ich großzügig hinweg.

Vor dem Spiel wurde noch das eine oder andere Erzeugnis der pyrotechnischen Industrie präsentiert, wobei sich das Rauchaufkommen erfreulicherweise in Grenzen hielt, aber dafür einige Kanonenschläge (oder wie auch immer die in Ultra-Kreisen heißen) um ungeteilte Aufmerksamkeit baten. Auf römischer Seite wurde die Fankurve mittels Papptafelchoreografie in die Vereinsfarben rot und gelb getaucht, während der Gästeblock einfach rotweißes Absperrband präsentierte. Die Gesänge der Tifosi waren toll und sehr, sehr laut, was umso erstaunlicher ist, da das Olympiastadion dank Laufbahn doch sehr weitläufig ist.

Der Spielverlauf, der geneigte Leser hat es vermutlich der Tagespresse entnommen, sorgte dann für zwischenzeitliches Verstummen der Heimfans, aber, und das fand ich doch bemerkenswert, nicht sehr lange. Als die Mannschaften zur zweiten Halbzeit aufs Feld zurückkehrten – und da führten die Gäste aus Monaco di Baviera ja bereits mit 5:0 – gab es tosenden Applaus, der sicher nicht ironisch gemeint war. Andernorts wäre man schon froh gewesen, wenn es nur Pfiffe und keine Wurfgeschosse gegeben hätte, aber hier bejubelte das Publikum seine deutlich unterlegene Mannschaft. Sehr beeindruckend.

Der ansonsten hervorragend aufgelegte Gästeblock dankte nach einem etwas heftigeren Einsteigen eines römischen gegen einen Münchner Spieler mit “Sch… Italiener”-Rufen – da war mal wieder so ein Fremdschämmoment. Dass einige Halbstarke und im Geiste Junggebliebene sich, getrennt durch eine sichere Plexiglasscheibe, mit Ihresgleichen aus dem gelbroten Nachbarblock kleinere Wort- und Gestenscharmützel lieferten, nahm ich noch mehr oder weniger schulterzuckend hin, ein paar Idioten gibt es schließlich immer, aber dass dann mehrere hundert, vielleicht tausend Fans in diese latent rassistischen Rufe einstimmten, war doch eher unschön. “Ist ja schließlich Fußball, da geht’s halt nun mal etwas derber zu” mag nun der eine oder andere denken, und welchen Unterschied macht es schon, ob man nun beispielsweise “Sch… Kaiserslautern” oder eben “Sch… Italiener” ruft? Ja, mag sein, vielleicht bin ich zu empfindlich, aber in meinen Ohren klang das halt eher danach, als hätten da einige ihrem inneren Rassisten ein wenig Auslauf gewährt. Sehr schade, insbesondere für eine Kurve, die noch in der Woche zuvor u. a. für ihr antirassistisches Engagement ausgezeichnet wurde.

Nach dem Spiel tat sich abermals Erstaunliches, denn einige römische Fans aus dem Nachbarblock warfen ihre Schals über die Abtrennung, woraufhin ihrerseits Münchner Fans ihre eigenen Schals zurückwarfen. Aus einigen wurden viele und so wurde nach und nach sicherlich eine dreistellige Zahl an Schals getauscht. Das hatte ich in dieser Form auch noch nicht erlebt und ich interpretiere das mal als Respektbekundung für das grandiose Spiel der Bayern und/oder den insgesamt tollen Support des Gästeblocks. Das behagte zwar nicht jedem (“Boah, auch noch Sch… Fair Play”), setzte aber für mein Empfinden einem außergewöhnlichen Abend das i-Tüpfelchen auf.

Nach einer mehr als einstündigen Blocksperre durften auch die Gästefans endlich das Stadion verlassen und wurden mit Sonderbussen zum Hauptbahnhof befördert. Der Taxifahrer, der mich von dort in meine Unterkunft brachte, sah mein Trikot, deutete auf sich und sagte nur: “Roma”. Ich antwortete “scusi” und wir lachten beide kopfschüttelnd.

Am nächsten Tag hätte ich ja gerne ein Foto der Titelseiten der italienischen Tageszeitungen gemacht, aber entweder werden die am Kiosk generell nicht ausgehängt und man hielt sie an diesem Tag aus Scham zurück. Den Glückscent, den ich tags zuvor vor einer Gelateria gefunden und der offensichtlich gute Dienste geleistet hatte, beförderte ich ordnungsgemäß in den Trevi-Brunnen. Einem Besuch in Berlin am 6. Juni sollte jetzt nichts mehr im Wege stehen.

Hier ein paar Fotos.

Einmal Rupert und zurück

3. Liga, 15. Spieltag: Hallescher FC – SV Wehen Wiesbaden 3:1 (Tor: Jänicke)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Überwiegend harmlos.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Auf beiden Seiten gab es ein paar Chancen, die allerdings nur Halle auch verwerten konnte. Insgesamt deutlich zu wenig zwingende Aktionen des SVWW, der sich von engagierten Gastgebern zu häufig den Schneid abkaufen ließ.

Liebling des Spiels: Die Onefootball-App, die mal wieder ein Phantomtor gemeldet hat und mich so wenigstens ein paar Minuten im Glauben ließ, der SVWW habe ausgeglichen.

Szene des Spiels: 60. Minute, Ecke für Halle. Den ersten Kopfball aufs Tor wehrt Book auf der Torlinie noch artistisch ab, beim zweiten Versuch kann er auch nicht mehr retten – 2:0, die Vorentscheidung.

Vor dem Spiel: Vertrat mich Sonja nicht nur hier im Blog, sondern auch bei der Mitteldeutschen Zeitung.

Nach dem Spiel: Konnte ich mich wenigstens an einigen Ergebnissen aus der ersten Liga erfreuen.

Das fiel auf:
– Beim ersten Gegentor sah Nico Herzig reichlich alt aus, als er nach einem simplen Wackler seines Gegenspielers ins Straucheln geriet und so die Schussbahn frei machte.
– Kurz vor Ende der ersten Halbzeit hätte es durchaus einen Elfmeter für den SVWW geben können, als Vunguidica im Strafraum zu Fall kam. Sicher kein schweres Foul, aber eine leichte Berührung reicht ja oft aus.
– Ziemlich viele Fehlpässe beim Versuch, schnell zu spielen. Das hat man in dieser Saison auch schon mal besser gesehen.
+/- Schön, dass Jänicke schon wieder getroffen hat. Auch schön, dass er es bis zur letzten Minute versucht. Allerdings völlig nutzlos, wenn es wie in der Vorwoche nur noch Ergebniskosmetik ist.
– Für den Halleschen FC, der in seinen bisherigen sieben Heimspielen gerade mal drei Tore erzielt und zwei Punkte errungen hatte, kam der SVWW gerade richtig als Aufbaugegner – wie schon im Januar, als der HFC mit einem 3:0-Sieg in der Brita-Arena seine Krise beendete.

Zuschauer: 5.483, davon etwa 20 Wehener.

Tabelle: Der SVWW bleibt bei 26 Punkten und ist nun – immerhin noch – Zweiter hinter Arminia Bielefeld (27). Es folgt Dresden mit ebenfalls 26 und dann gleich fünf Mannschaften mit 25 Punkten. Zwischen Platz 1 und 10 liegen gerade mal drei Punkte.

Serien und Rekorde: In dieser Saison war der SVWW bisher dreimal Tabellenführer und verlor dann jedesmal. Vielleicht sollte man sich besser auf einen soliden zweiten Platz konzentrieren.

Ansonsten: Das Hessenpokal-Viertelfinale beim TSV Lehnerz wurde auf das nächste Länderspielwochenende gelegt und wird somit am Samstag, den 15. November um 14 Uhr angepfiffen.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag um 14 Uhr in der Brita-Arena gegen den Chemnitzer FC, der mit einem Punkt Rückstand auf den SVWW auf Platz 4 steht – vom Papier her also ein echtes Spitzenspiel. Die Sachsen führten in dieser Saison schon neun Mal die Tabelle an, haben aber von den letzten sechs Spielen nur eins gewinnen können. Zuletzt gab es ein 0:0 gegen Holstein Kiel.

Entspannter Ausflug nach Nordhessen

Hessenpokal, Achtelfinale: FSC Lohfelden – SV Wehen Wiesbaden 0:6 (Tore: Benyamina (2), Schnellbacher (2), Ahlschwede, Schindler)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Der Favoritenstellung gerecht geworden.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Trainer Marc Kienle bot so ziemlich alle Spieler auf, die bisher nur wenig oder keine Einsatzzeit in der Liga hatten. Trotzdem ging der SVWW die Begegnung beim Hessenligisten seriös an und erzielte schon nach wenigen Minuten durch Benyamina die Führung. Trotz einer frühen Unterzahl nach einem Platzverweis gegen Daniel Wein wegen Notbremse ließ der Drittligist keinen Zweifel am Weiterkommen. Bis zur Pause schossen Schnellbacher und Benyamina eine 4:0-Führung heraus, in der zweiten Hälfte trafen noch Ahlschwede und Schindler.

Liebling des Spiels: Alexander Nandzik, der gleich vier Tore vorbereitete.

Szene des Spiels: Das 2:0 durch Luca Schnellbacher, als er erst ein paar Verteidiger wie Slalomstangen umkurvte und dann trocken abschloss. So war schon früh, obwohl man nur noch zu zehnt war, alles klar.

Vor dem Spiel: Hatte ich exakt das erhofft, was auch eintrat: Einsatzzeit für die zweite Reihe und ein deutliches Ergebnis.

Nach dem Spiel: Tanzt der SVWW weiter auf zwei Hochzeiten (um mal eine gut abhangene Phrase aus dem imaginären Zettelkasten zu holen).

Das fiel auf:
+ Kein Larifari gegen einen unterklassigen Gegner.
+ Die Reservisten durften sich mal zeigen und für Einsätze in der Liga empfehlen.
+ Insbesondere Alex Nandzik machte mit einem Freistoß an den Pfosten, der zum 3:0 führte, sowie drei Vorlagen zu den Toren 4-6 auf sich aufmerksam.

Zuschauer: Etwa 300.

Nächstes Spiel: Im Hessenpokal wartet im Viertelfinale mit dem TSV Lehnerz erneut eine Mannschaft aus der fünftklassigen Hessenliga, die sich im Achtelfinale gegen den OSC Vellmar durchgesetzt hat. Das Spiel wird voraussichtlich im Februar stattfinden.
In der Liga geht es am kommenden Samstag um 14:00 Uhr mit einem Heimspiel gegen die zweite Mannschaft des 1. FSV Mainz 05 weiter. Der Aufsteiger von der ebsch Seit steht mit 10 Punkten auf Platz 18, zuletzt spielte man 1:1 gegen Holstein Kiel. Da die erste Mannschaft der 05er ebenfalls am Samstagnachmittag ein Heimspiel hat, werden wohl leider nicht so viele Gästefans kommen wie es bei anderer Terminierung möglich gewesen wäre – schade.

Interview mit Marc Kienle: “Ole ist ein absoluter Schlüsselspieler”

Der Ligabetrieb ruht am kommenden Wochenende und der SV Wehen Wiesbaden darf als Tabellenführer verschnaufen. Eine hervorragende Gelegenheit, sich mal mit Trainer Marc Kienle zu unterhalten.

 

Herr Kienle, das erste Drittel der Saison ist geschafft, der SVWW steht auf Platz 1. Sind Sie selbst überrascht oder hatten Sie das insgeheim sogar erwartet?

Marc Kienle (Foto: SVWW)

Marc Kienle (Foto: SVWW)

Wir hatten uns vorgenommen, vorne mit dabei zu sein – das haben wir zurzeit geschafft, aber der aktuelle Tabellenstand ist definitiv nur eine Momentaufnahme. Wie von uns erwartet, liegt in der Liga alles eng zusammen, zwischen Platz 1 und 6 sind es nur zwei Punkte. Wenn man die namhafte Konkurrenz wie Dynamo Dresden, MSV Duisburg oder Arminia Bielefeld betrachtet, sind wir garantiert nicht der Top-Favorit, diese Rolle wurde uns von außen aufgedrängt.

26 Punkte nach 13 Spielen – wenn man den Schnitt von zwei Punkten pro Partie auf die Saison hochrechnet, würde man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem Aufstiegsplatz landen. Ist die Mannschaft reif genug, es bis zum Ende “durchzuziehen”?

Im Vergleich zur letzten Saison hat sich die Mannschaft auf jeden Fall positiv weiterentwickelt und sich in allen Bereichen verbessert. Dabei darf man nicht vergessen, dass wir einige junge Spieler wie Sebastian Mrowca, Daniel Wein oder Luca Schnellbacher integriert haben, die perspektivisch sehr interessant sind, aber auch noch Zeit brauchen. Wir werden weiterhin täglich konzentriert arbeiten, um diese Entwicklung, in der wir immer noch stecken, voranzubringen.

Sie sind jetzt fast ein Jahr beim SVWW und haben mit 1,62 Punkten im Durchschnitt die beste Ausbeute aller Trainer seit dem Zweitligaaufstieg 2007. Trotzdem gab es bis vor ein paar Wochen teilweise recht deutliche Kritik in der Anhängerschaft. Fehlt Ihnen die Anerkennung?

Ich habe dies nicht so empfunden. Im Gegenteil: Ich fühle mich sehr wohl beim SVWW und mir macht die Arbeit sehr viel Spaß. Ich spüre auch viel Zuspruch, wenn ich in der Stadt mal einen Kaffee trinken gehe und Menschen treffe, denen der SVWW am Herzen liegt. Aber im Fußball allgemein sind die Schwankungen zwischen Zuspruch und Ablehnung sehr groß, da muss man auch als Trainer mit umgehen können.

Sie waren jahrelang im Nachwuchsbereich tätig, der SVWW ist Ihre erste Station als Trainer im Erwachsenenbereich. Wie groß war für Sie die Umstellung, statt einer Jugendmannschaft plötzlich ein Profiteam zu trainieren?

Im Bereich der großen Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten ist auch alles Vollprofitum bei U19 und U17, dort wird genauso oft trainiert wie von der 1. bis zur 3. Liga. Der Unterschied ist, dass ich es jetzt teilweise mit Familienvätern zu tun haben und nicht ausschließlich mit Jugendlichen. Aber es geht immer um Menschen und die Beziehung zu ihnen, die ich als Trainer aufbaue. Ich war selbst lange Jahre Profi, daher weiß ich, wie die Spieler ticken. Das öffentliche Interesse ist natürlich deutlich größer, aber das Spiel bleibt gleich.

Einige der diesjährigen Neuverpflichtungen kannten Sie schon von Ihren vorherigen Tätigkeiten beim VfB Stuttgart und beim FC Bayern München und ein paar Spieler wurden dahingehend zitiert, dass Sie sich vor allem wegen Ihrer Person für den SVWW entschieden haben. Wie lange kann man diese Quellen noch anzapfen?

In erster Linie geht es um Qualität. Wenn wir davon überzeugt sind, dass uns ein Spieler helfen kann, dann darf er auch über andere Wege zu uns kommen. Im Fall der aktuellen Neuzugänge war es von Vorteil, dass ich die Qualität der Spieler persönlich einschätzen konnte und über diesen persönlichen Kontakt auch die Möglichkeit hatte, sie für den SVWW zu begeistern. Wichtig ist, dass wir weiterhin interessant bleiben für junge Spieler, die wissen, dass sie sich beim SVWW mit dem Verein zusammen weiterentwickeln können.

Gegen Ende der letzten und zu Beginn dieser Saison haben Sie auf eine Startformation mit zwei Stürmern gesetzt, sind vor einiger Zeit aber wieder zum 4-5-1 zurückgeschwenkt. Was war der Grund für diese Änderung?

4-5-1, 4-4-2 oder 4-2-3-1 – das sind ja eigentlich alles nur Zahlen. Die Grundordnung sagt aber wenig über die Art und Weise aus, wie wir Fußball spielen wollen, dabei ist das eigentlich das Entscheidende. Unsere Ordnung ändert sich öfter während eines Spiels, und das macht es für den Gegner schwieriger, weil er nicht einschätzen kann, was im Laufe unseres Spiels passieren wird. Daher wollen wir uns immer alle Optionen offen halten. Greift der Gegner an, sind wir mit Nils-Ole Book als zweite Spitze immer im 4-4-2 aktiv gegen den Ball; sind wir in der Offensive haben wir oft mit Alexander Riemann und Tobias Jänicke zusammen mit José Pierre Vunguidica drei Stürmer – im Endeffekt spielen wir nicht nur mit einer Spitze, sondern mit einer variablen Offensivreihe. Wie gesagt, alles andere sind nur Zahlen…

Im Kader stehen acht Offensivkräfte bzw. sogar neun, wenn man Nils-Ole Book mitzählt. Juckt es da nicht, soviele wie möglich von Beginn an aufzustellen?

Naja, es gibt eben nur elf Positionen – da muss dann auch schon mal ein Torwart und der eine oder andere Defensivspieler dabei sein… Im Ernst: Ich habe es gerade schon angedeutet, dass wir in der Offensive sehr variabel auftreten und auch während eines Spiels durch Einwechslungen neue Impulse setzen können. Beispielsweise haben wir in Großaspach beim Stand von 1:0 durch die Hereinnahme von Schnellbacher und Benyamina auf ein 4-4-2 umgestellt, Book rückte dann als offensiver Sechser ins Mittelfeld. Daher bin ich der Meinung, dass wir unser Offensivpotenzial schon gut ausspielen.

Wie soll Ihre Mannschaft früher oder später idealerweise spielen? Woran soll der Zuschauer irgendwann mal denken, wenn er “Wehen Wiesbaden” hört?

Jeder einzelne Spieler, beginnend beim Torwart, soll aktiv das Offensivspiel voranbringen, im Umkehrschluss soll jeder, beginnend bei den Angreifern, bei gegnerischem Ballbesitz aktiv die Balleroberung schnellstmöglich einleiten. Grundsätzlich wollen wir attraktiv nach vorne spielen.

Im Kader sind eigentlich alle Positionen doppelt besetzt, selbst fürs Tor hat man mit Florian Fromlowitz einen Mann mit reichlich Bundesligaerfahrung auf der Bank. Einzig Nils-Ole Book scheint im zentralen Mittelfeld unersetzlich. Bricht Ihnen jedesmal der Angstschweiß aus, wenn Book nach einem Zweikampf kurz liegen bleibt?

Es ist richtig, das Ole nur schwer zu ersetzen wäre, das würde uns richtig weh tun. Ole ist auf Grund seiner Kreativität ein absoluter Schlüsselspieler. Solche Spieler gibt es nicht an jeder Ecke. Sollte er mal ausfallen, dann müssten wir anders spielen.

Wenn in Kürze Sebastian Mrowca und Patrick Funk und nach der Winterpause auch Jonatan Kotzke wieder zur Verfügung stehen, könnten Sie ein Luxusproblem bekommen. Oder freuen Sie sich schon darauf, wie Pep Guardiola jede Woche durchrotieren zu können?

Solche Probleme sind dann wirklich Luxusprobleme, über die sich ein Trainer eher freut. Es wird im Fußball immer Härtefälle geben, das gehört einfach dazu. Aber wenn wir als Verein wirklich weiterkommen wollen, dann brauchen wir auch diese Qualitätsdichte.

Am kommenden Samstag steigt der SVWW in den Hessenpokal ein, als einziger Drittligist und somit als Topfavorit. Wie heiß sind Sie auf diesen Wettbewerb, insbesondere nach dem enttäuschenden Halbfinalaus in der letzten Saison?

Die letzte Saison ist abgehakt, das hatten wir durch den vierten Platz am Ende korrigiert. Und dieser Erfolg in der Liga war viel schöner. Dennoch wollen wir in allen Wettbewerben so weit wie möglich kommen, daher geben wir auch im Hessenpokal alles, um die Spiele zu gewinnen.

Herr Kienle, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!