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SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball

Stehblog - SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball

Interview mit Kees Jaratz: “Der Fußball zwingt in die Gegenwart”

Seit 2008 bloggt Journalist und Buchautor Ralf Koss als Kees Jaratz im Zebrastreifenblog über den MSV Duisburg. Vor dem Gastspiel des SV Wehen Wiesbaden an der Ruhr unterhielten wir uns unter anderem über Fußball im Ruhrgebiet und ehemalige Wehener beim MSV.

 

Hallo Kees – oder soll ich sagen: hallo Ralf. Stell Dich doch bitte kurz vor und erkläre uns, wie es zu Deinem Pseudonym Kees Jaratz kam?

Seit Anfang der 1970er Jahre gehen der MSV Duisburg und ich gemeinsam durchs Leben. Eindrücke während der Jugend prägen besonders. Das muss man im Kopf behalten, wenn ich gleich aufs Pseudonym zu sprechen kommen. Ich verdiene mit Schreiben seit Jahren mein Geld, Schreiben in unterschiedlichsten Formen und Medien, in den letzten Jahren vor allem als Buchautor. Als ich 2008 mit dem Blog begann, wollte ich mir vor allem ein Medium schaffen, in dem ich mein eigener Redakteur war. Ich wollte schreiben, ohne das Thema vorher anpreisen zu müssen, es verkaufen müssen. Mir ging es um Zugang zur Öffentlichkeit, und ich wollte meine Themen rund um den Fußball ansiedeln, ohne mich auf den Fußball zu beschränken. Das Pseudonym hielt ich damals für notwendig, um das Schreiben im Blog von meinem beruflichen Schreiben zu trennen. Inzwischen hat sich das eigentlich erledigt. Aber Kees Jaratz ist nun mal in der Welt, zumal ich mit dem Namen ja auch drei große Spieler des MSV Duisburg der 1970er Jahre ehre: Kees Bregmann, Kurt Jara und natürlich Bernard Dietz, dessen Name nur wegen des Pseudonymklangs mit den wenigsten Buchstaben vorkommt.

Du hast sowohl unter Deinem bürgerlichen Namen als auch unter Deinem Pseudonym bereits einige Bücher veröffentlicht, unter anderem mit dem hier gut bekannten Trainer Baade111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“. Worum geht es dabei?

Dieses Buch war ein Herzensprojekt. Mich beschäftigt die Identität des Ruhrgebiets schon lange, und der Fußball gehört in dieser Region auf besondere Weise zum Selbstverständnis der meisten dort lebenden Menschen. Für mich gleicht der Fußball im Ruhrgebiet dem Karneval in Köln als möglicher Bezugspunkt für Gemeinsamkeit – trotz aller Fanrivalitäten. In dem Buch erzählen wir nun Geschichten, in denen die besondere Bedeutung dieses Fußballs im Ruhrgebiet erkennbar wird. Es sind eigentlich Orte, die Fußballgeschichte erzählen. Der Reihentitel weckt da vielleicht falsche Erwartungen. Kürzlich erst hat der Verlag den Titel der Reihe variiert. Nun kann es etwa auch “111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen” heißen. Dabei habe ich mich ein weiteres Mal dem Herzensthema Ruhrgebiet widmen können. Fußballorte sind natürlich auch wieder dabei.

Reden wir über den MSV Duisburg. Traditionsverein, Bundesliga-Gründungsmitglied, 28 Jahre in der höchsten Spielklasse zuhause – und jetzt schon im zweiten Jahr nur in der Dritten Liga am Start. Schmerzt das noch sehr oder bist Du froh, dass es nach der Beinahe-Insolvenz im letzten Jahr überhaupt noch Profifußball in Duisburg gibt?

Weder noch, ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Da bin ich ganz bei den Fußballprofis mit ihren Standardantworten nach Niederlagen. Abhaken, Mund abwischen, wir stehen, wo wir stehen, nach vorne sehen. All das. Das ist für mich das Angenehme beim Fußball. Er zwingt in die Gegenwart. Es nutzt kein Blick zurück. Es nutzt kein Blick zwei Spiele weiter. Das nächste Spiel ist immer das, um das es geht.

Hilft bei der Einordnung auch die Erfahrung aus den 80er Jahren, als der MSV schon mal für drei Jahre in die damals drittklassige Oberliga abgetaucht war?

Das mag erst einmal so scheinen. Doch im Grunde ist der Fußball der Gegenwart gegenüber dem von Anfang der 1980er Jahre doch ein anderer Sport geworden. Damals in der dritten Liga, das war in Teilen Sport auf dem Dorf am Niederrhein. Was heute vielleicht fünfte Liga ist. Zudem hatte der Verein seinerzeit einen kontinuierlichen Niedergang durchgemacht und großen Bedeutungsverlust erfahren. Das ist mit der Situation heute nicht vergleichbar. Die Bedeutung des MSV hat sich im letzten Sommer mehr als deutlich gezeigt, und die 3. Liga ist eine professionelle Unternehmung.

Lass mich aber noch etwas sagen, was eigentlich zu weit führt, aber mir automatisch in den Sinn kommt, wenn von der Oberliga-Zeit die Rede ist. In dem Zusammenhang muss einfach der Mann genannt werden, dessen Energie und Tatkraft es überhaupt zu verdanken ist, dass es für den MSV Duisburg wieder nach oben ging: Dieter Fischdick, Meidericher, SPD-Ratsherr, MSV-Anhänger wollte den Niedergang des MSV nicht hinnehmen, wurde MSV-Präsident und organisierte die für Erfolg notwendige Stabilität im Verein. Er starb, gerade mal Ende 50, während einer Pressekonferenz vom MSV. Wenn ich an ihn erinnere, geht es mir darum, dass in Vereinen wie dem MSV Duisburg letztlich solche Menschen Verantwortung tragen müssen, die sich um der Sache Willen einsetzen. Und da sind wir dann doch bei der Orientierungshilfe. Seit dem Sommer letzten Jahres gibt es sie erneut.

Die letzte Saison begann nach der Last-Minute-Rettung turbulent, Trainer Kosta Runjaic verließ den Verein und der Kader konnte erst spät zusammengestellt werden. Trotzdem gelang eine verhältnismäßig ruhige Saison, die der MSV überwiegend in der oberen Tabellenhälfte verbrachte. War das angesichts der Situation das Optimum oder hatte man in Duisburg insgeheim mit der direkten Rückkehr in die Zweite Liga geliebäugelt?

Hoffen darf man als Anhänger seines Vereins so etwas doch immer, und das ansprechende Offensivspiel zu Beginn der Saison übertraf ja alle Erwartungen. Doch eines war klar, das Offensivspiel führte zur scheunentoroffenen Defensive. Die Abwehr wurde dann zwar stabilisiert, die Kosten in der Offensive waren aber zu hoch. Ab Mitte der Saison war abzusehen, eine Entwicklung hin zu einem erfolgreicheren Gleichgewicht wird es nicht geben. Ich kann das nicht beurteilen, ob ein anderer Trainer erfolgreicher gewesen wäre. Sieht man sich die drei Aufsteiger an, scheint es mir aber so: alle drei spielten mit einer stärkeren Besetzung als sie der MSV vorweisen konnte. Das ist in dieser Saison ganz klar anders. Es gibt keine Mannschaften, deren Spielanlage deutlich die der anderen überlegen ist.

Man trennte sich jedenfalls von Trainer Karsten Baumann und holte Gino Lettieri, den wir hier aus seiner Zeit beim SVWW natürlich noch gut kennen. Wie schlägt er sich bisher, wie ist Dein Eindruck von ihm?

Nach der Niederlage in Kiel gibt es zum ersten Mal eine Durststrecke für die Mannschaft und ihn. Grundsätzlich sah es bisher so aus, als habe er der Mannschaft zu einer guten Struktur verholfen. Es fällt allerdings auf, dass das Offensivspiel in den letzten Wochen zu wünschen übrig lässt. Oft wirkt es so, als fehlten klare Bewegungsabläufe.

Als seine Neigung erkennbar wurde, Positionen der Mannschaft immer wieder neu zu besetzen, musste ich an die kritischen Stimmen bei euch denken. Grundsätzlich gehört das ja in Teilen zum modernen Fußball, der Spieler einsetzbar auf allen Positionen, gewöhnungsbedürftig ist es aber dennoch, wenn jedes Spiel die Abwehrreihe neu formiert ist. So lange die Mannschaft erfolgreich ist, gibt es dazu höchstens erstauntes Raunen. Im Misserfolgsfall wurde das in den Foren auch schon thematisiert. Das ist etwas Grundsätzliches, ungewöhnliche Maßnahmen brauchen mehr Kommunikation, damit das Umfeld nicht unruhig wird. Bislang war seine Erklärung, Verletzungen hätten diese Umstellungen notwendig gemacht. Für alle Umstellungen gilt das aber nicht. Da bleibt etwas offen, was nur Erfolg nicht zum Problem werden lässt.

Nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz finden wir mit Zlatko Janjic und Steffen Bohl bekannte Gesichter. Was kannst Du uns von den beiden berichten?

Steffen Bohl sollte wahrscheinlich Gino Lettieris wichtigster Spieler sein, gerade auch weil er eben auf jeder Position einsetzbar ist. Es gab ein Spiel, in dem er über die Zeit von der Verteidigerposition über das Mittelfeld in den Sturm gewechselt ist – je nachdem, wer gerade ausgewechselt wurde. Er ist Mannschaftskapitän, aber Oberschenkelprobleme sind nun zum Muskelriss geworden. Er ist also am Samstag nicht dabei.

Für eine Offensive, die mit Einzelaktionen zum Ziel kommen will, ist Zlatko Janjic unverzichtbar. Technisch stark, das wisst ihr selbst. Andererseits schaut er nach meinem Geschmack oft zu früh hilfesuchend zum Schiedsrichter. Das ist natürlich dem mangelnden Mannschaftsspiel in der Offensive geschuldet. Sich gegen drei Leute durchzusetzen, kann überfordern. Ein Teil seiner Tore sind Freistoßtore und Elfmeter gewesen. Wieviel genau, weiß ich jetzt nicht. Auch daran ist zu erkennen, dass es aus dem Spiel heraus momentan hapert.

Janjic ist mit bisher sieben Treffern der beste Torschütze, während Kingsley Onuegbu, der Torjäger der vergangenen Saison, erst ein Tor erzielen konnte. Woran liegt’s? 

Schon in der Rückrunde der letzten Saison spielte Kingsley Onuegbu immer schlechter. Ich will das weniger mit Toren belegen als mit seinem Ballgefühl. Denn dass er nach der starken Hinrunde bei besonderem Augenmerk der Gegner-Defensive weniger Tore erzielt, scheint mir verständlich zu sein. Aber es liegen Welten zwischen seiner Ballannahme in den ersten Monaten in Duisburg und dem, was er momentan kann. Wenn seinerzeit der Ball am Fuß klebte, springt er jetzt meist fort. Warum? Auch das als Unsicherheit wegen vermehrter Arbeit der Defensive? Ich weiß es nicht.

Aktuell liegt der MSV nur auf Platz 10, aber der Abstand zum Tabellenführer Preußen Münster beträgt gerade mal vier Punkte. Sollten Janjic und Onuegbu beide regelmäßig treffen, wäre Duisburg ein ganz heißer Aufstiegsfavorit, oder?

Tatsächlich glaube ich nicht, dass Onuegbu so bald wieder regelmäßig spielt. Kevin Scheidhauer hat ihn erst einmal verdrängt. Du berührst aber den wunden Punkt im Spiel des MSV. Die Mannschaft kommt zu keinen klaren Torchancen. Und starke Abwehrreihen hat diese Liga nun genug. Andererseits fühlt sich die Mannschaft schon selbstbewusst genug, um oben dabei zu sein. Ob mit Recht, ist schwierig vorherzusagen. Momentan fehlt es weniger an Torschützen als an Ideen, Spieler dorthin zu bekommen, wo sie überhaupt Torschützen werden können. Es fällt auf, dass das Offensivspiel oft Stückwerk bleibt und Einzelaktionen zu sehen sind. Ich denke, da ist der Trainer für Lösungen gefragt.

Zum Abschluss noch was ganz anderes. An Stadien mit Sponsorennamen hat man sich ja längst gewöhnt, aber Euer Stadion hat, mit Verlaub, einen der beknacktesten oder wenigstens umständlichsten Namen abbekommen. Sagt irgendein Fan jemals “Schauinsland-Reisen-Arena” oder bleibt es einfach beim Wedaustadion, was vorher an gleicher Stelle stand?

Tja, wenn Unternehmen, die sponsern, lange Namen besitzen, wird das mit dem Stadion-Namen schwierig. Ich kenne niemanden, der das sagt, auch wenn Schauinsland-Reisen es mehr als verdient hätte. Gerald Kassner als Geschäftsführer des Reiseunternehmen ist auch so ein Duisburger, der sein Engagement im Fußball beim MSV auch als Engagement für die Lebensqualität Duisburgs in einen städtischen Zusammenhang bringt. Ihm geht es natürlich auch um eine Werbewirkung, aber wenn man die Mithilfe des Unternehmens bei der Rettung des MSV Duisburg sieht, erkennt man schnell, dass es für Schauinsland-Reisen um sehr viel als um das reine Geschäft gegangen ist. Wedaustadion als Name scheint mir allerdings auch allmählich zu verblassen. Ich habe eher den Eindruck, das Ganze wird namenlos: das Stadion, die Arena. Ich kann mich aber auch täuschen.

Zum Schluss der obligatorische Tipp, wie geht’s am Samstag aus? Und die Bonusfrage: auf welchen Plätzen stehen der MSV und der SVWW, wenn wir uns am 23. Mai zum letzten Saisonspiel wiedersehen?

Damit das Ziel gemeinsamer Aufstieg für den MSV nicht in die Ferne rückt, muss leider Gottes dein Verein am Samstag verlieren. Ein 1:0 ist ja wahrscheinlich. Danach können unsere Vereine dann wieder auf ihren getrennten Wegen am Projekt gemeinsamer Aufstieg weiterarbeiten. Bei der Feier wäre ich dann dabei.

Das wäre natürlich phänomenal, am letzten Spieltag den gemeinsamen Aufstieg in der Brita-Arena zu feiern.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Ralf!

Ein 0:1 der besseren Sorte

3. Liga, 18. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – Fortuna Köln 0:1

Das Spiel in maximal fünf Worten: Unverdiente und unnötige Niederlage.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Insgesamt eigentlich ein ziemlich gutes Spiel des SVWW, der über die komplette Spielzeit die bessere Mannschaft war (wenn wir mal über die 15-20 Minuten vor der Pause hinwegsehen, in der beide Mannschaften nur Grütze gespielt haben) und auch mehr Torchancen hatte. Letztlich fehlte in ein paar Szenen das Glück, zumal der gegnerische Torwart auch einen absoluten Sahnetag erwischt hatte. Richtig dumm und ärgerlich, dass man sich gegen Ende einen Konter einfing und nicht mal das 0:0 über die Zeit brachte.

Liebling des Spiels: Fortunas Torwart André Poggenborg, der einfach alles hielt.

Szene des Spiels: 35. Minute, Vunguidica flankt auf Jänicke, der den Ball von rechts scharf in den Fünfmeterraum passt. Ein Fortuna-Verteidiger fliegt heran und setzt den Ball an den Außenpfosten. Nachdem vorher schon einige ordentliche Chancen vereitelt wurden, war spätestens jetzt klar, dass das Toreschießen an diesem Tag ein ungeheuer schwere Angelegenheit für den SVWW werden würde.

Vor dem Spiel: Schon wieder lange Schlangen an Eingang 4 – die Hoffnung auf eine überdurchschnittliche Zuschauerzahl erfüllte sich aber leider nicht.

Nach dem Spiel: Festgestellt, dass es nur noch ein Heimspiel in diesem Jahr gibt. Doof.

Das fiel auf:
+ Alexander Riemann sehr agil und mit einigen guten Chancen.
– Dem Gegner wurden zuviele Torschüsse gestattet – möglicherweise machte sich da das Fehlen von Michael Wiemann bemerkbar.
– Aus einem Dutzend Ecken und zahlreichen Flanken resultierte absolut gar nichts, denn die großen Fortuna-Verteidiger gewannen so ziemlich jeden Luft-Zweikampf.
+/- Schiedsrichter Thomsen ließ ziemlich viel laufen, ohne dass ihm das Spiel dadurch entglitt. Allerdings sah der Ellenbogentreffer gegen Luca Schnellbacher in der Schlussphase für mein Dafürhalten arg nach Foul aus, wurde aber nicht geahndet.
– Schon die zweite unnötige Heimniederlage gegen einen Aufsteiger.

Zuschauer: 2.950, davon ca. 200 Gästefans.

Tabelle: Der SVWW rutscht auf Platz 4 ab und hat nun zwei Punkte Rückstand auf Tabellenführer Münster – und auch gerade mal zwei Punkte Vorsprung vor Dresden auf Platz 11.

Serien und Rekorde: Es bleibt dabei: wenn der SVWW als Tabellenführer in den Spieltag geht, kann er nicht gewinnen. Meine persönliche Serie (in dieser Saison bisher nur Siege in Ligaspielen gesehen) ist gerissen.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag beim MSV Duisburg. Die Mannschaft von Ex-SVWW-Trainer Gino Lettieri (und mit unseren Ex-Spielern Zlatko Janjic und Steffen Bohl) steht mit zwei Punkten weniger als der SVWW aktuell auf Platz 10. Nachdem der MSV zwischenzeitlich auf dem zweiten Tabellenplatz stand, konnte von den letzten sechs Ligaspielen nur eins gewonnen werden. Am vergangenen Wochenende gab es eine 1:0-Niederlage in Kiel.

Bann gebrochen

3. Liga, 17. SpieltagDSC Arminia Bielefeld – SV Wehen Wiesbaden 1:1 (Tor: Benyamina)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Einen Punkt verdient und Tabellenführung verteidigt.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Über weite Teile des Spiels neutralisierten sich die beiden Teams auf insgesamt überschaubarem Niveau. Insbesondere in der ersten Halbzeit waren Chancen Mangelware. Der SVWW hatte nach einem abgefangenen Ball des Bielefelder Torwarts Schwolow (der übrigens gebürtiger Wiesbadener und ehemaliger SVWW-Jugendspieler ist) die erste gute Gelegenheit als Vunguidica gefährlich von links in den Strafraum zurücklegte, aber Book den Ball nicht aufs Tor brachte. Die Gastgeber kamen ihrerseits auch zu anderthalb Torchancen, aber es ging mit 0:0 in die Pause. In der zweiten Halbzeit wurde Wehen munterer und übte zeitweise ordentlich Druck aus, fing sich dann aber einen Konter und geriet in Rückstand (s. u.). Beinahe wäre kurz darauf noch das 0:2 gefallen, aber stattdessen kam der SVWW wenige Minuten später zum Ausgleich. Nach einer sehenswerten Kombination über Book und Jänicke vollstreckte der kurz zuvor eingewechselte Soufian Benyamina. Nur eine Minute später flog Michael Wiemann nach einer Tätlichkeit vom Platz. Angeblich hatte ihm sein Gegenspieler Ulm zuvor in die Weichteile getreten, was – sofern es tatsächlich so war – Wiemanns Reaktion zwar verständlich machen würde, aber dennoch regelwidrig bleibt. Auch in Unterzahl konnte der SVWW letztlich das Unentschieden über die Zeit retten und fährt mit einem nicht unverdienten Punktgewinn nach Hause.

Liebling des Spiels: Nils-Ole Book mal wieder mit enormen Aktionsradius und vielen Ballkontakten. Müsste sich bloß zuweilen etwas früher vom Ball trennen.

Szene des Spiels: 68. Minute, Konter der Arminia, Herzig kann die Hereingabe nicht klären und Bielefelds Dennis Mast schießt mit seinem linken Fuß hinter dem rechten Standbein das Tor zur Führung. Einer der seltenen Gegentreffer, den ich mir gerne noch ein paarmal angeschaut habe.

Vor dem Spiel: Muss Tobias Jänicke eine Wette verloren haben. Oder er hatte einen schrecklichen Unfall. Jedenfalls kann er diese “Frisur”, die an ein nasses Frettchen erinnert, nicht so gewollt haben.

Nach dem Spiel: Grinsend festgestellt, dass die Stuttgarter Kickers Münsters Halbzeitführung noch ausgleichen konnten – und der SVWW somit Tabellenführer bleibt.

Das fiel auf:
+ Ein Punktgewinn in einem der schwersten Auswärtsspiele der Saison ist für sich genommen schon eine gute Nachricht.
+/- Relativ wenige eigene Chancen herausgearbeitet, aber andererseits auch dem Gegner recht wenige Gelegenheiten geboten.
– Neben Wiemann wird im nächsten Spiel auch Mintzel fehlen, der die fünfte gelbe Karte sah.
+ Die Mannschaft kam vor und nach dem Spiel zum Gästeblock, ganz offenbar, um die Verstimmungen der letzten Woche auszuräumen.

Zuschauer: 12.963, davon gute 100 Gästefans.

Tabelle: Der SVWW hat nun 30 Punkte und bleibt mit einem Punkt Vorsprung auf Preußen Münster auf Platz 1. Allerdings bleibt weiterhin alles unfassbar eng zusammen, bis Platz 10 sind es gerade mal drei Punkte.

Serien und Rekorde: Mit dem Unentschieden gegen Bielefeld, das zuvor acht Heimspiele hintereinander gewonnen hatte (sechs in der Liga und zwei im Pokal), punktet der SVWW erstmals in dieser Saison als Spitzenreiter – der Fluch der Tabellenführung ist nun hoffentlich passé.

Ansonsten: Dass der SVWW komplett in Rot antritt, ist zwar ungewohnt, aber okay – allerdings haben Trikots und Hosen leicht unterschiedliche Rottöne, was dann doch einigermaßen beknackt aussieht (wenn auch kein Vergleich zu Jänickes Haupthaar).

Nächstes Spiel: Aufgrund der nächsten Länderspielpause geht es in der Liga erst in zwei Wochen (Samstag, 14 Uhr) mit einem Heimspiel gegen Fortuna Köln weiter. Der Aufsteiger hat sich nach mühsamen Saisonstart (nur ein Sieg aus acht Spielen) gefangen und mit einem Zwischenspurt (vier Siege aus fünf Spielen) den Anschluss ans Tabellenmittelfeld hergestellt. Zuletzt gab es jedoch wieder vier sieglose Spiele.
Allerdings ist der SVWW auch am kommenden Wochenende nicht spielfrei, denn das Viertelfinale im Hessenpokal steht an. Zur gewohnten Drittliga-Anstoßzeit am Samstag um 14 Uhr ist in Fulda der TSV Lehnerz, der in der Hessenliga aktuell auf Tabellenplatz 7 steht, der Gegner. Zuletzt gab es in der Liga zwei deutliche Siege gegen Rot-Weiß Darmstadt und Bayern Alzenau. Auf die U21 des SVWW traf Lehnerz bereits am 1. Spieltag und gewann 1:0. Im Hessenpokal gewannen die Osthessen bisher gegen Alsfeld, Hünfeld und Vellmar.

Jetzt gibt’s was auf die Ohren

Einer der vielen Vorzüge des Internets gegenüber anderen Medien ist es, dass jedermann nicht nur Konsument, sondern relativ leicht auch zum Produzenten von Inhalten jeder Art werden kann. Blogs wie dieser sind dabei nur eine von vielen Möglichkeiten, eine andere sind Podcasts. Vereinfacht gesagt ist ein Podcast dasselbe wie ein Blog mit dem entscheidenden Unterschied, dass Audio-Inhalte statt Texte produziert werden. Neben den hobbymäßig erstellten Podcasts (hobbymäßig im Sinne von “das machen Leute unentgeltlich in ihrer Freizeit”, nicht auf die Qualität bezogen, denn die ist häufig sowohl inhaltlich als auch technisch ganz hervorragend) gibt es auch professionelle, z. B. Radiosendungen, die auf gleiche Art abrufbar sind und somit “zeitsouverän” gehört werden können.

Ich habe Podcasts für mich erst seit etwa zwei Jahren entdeckt und höre mir diese seitdem hauptsächlich auf der Fahrt zur und von der Arbeit an, gelegentlich auch bei eintöniger Hausarbeit, aber die Möglichkeiten und Vorlieben sind da sicherlich höchst individuell.

An dieser Stelle möchte ich einige Fußball-bezogene Podcasts, die ich regelmäßig höre, kurz vorstellen, vielleicht ist ja für den einen oder anderen Leser auch was dabei. (Nicht-Bayern-Fans können etwas nach unten scrollen, es kommen auch vereinsunabhängige…)

  • Fehlpass: Yalcin Imre bespricht, meist in Kai Lorentz’ Küche, mit drei Gästen das Fußballgeschehen mit einem Schwerpunkt auf dem FC Bayern München und den Lieblingsvereinen der jeweiligen Gäste. Die Sendefrequenz ist in letzter Zeit bedauerlich gering, umso größer ist die Vorfreude auf Folge 100, in der Yalcin aufgrund einer verlorenen Wette live die Beine gewachst werden.
    Zur letzten Weltmeisterschaft gab es ein Sonderprojekt mit einer (fast) täglichen Folge, wo ich auch einmal zu Gast sein durfte.
  • Miasanrot: In wechselnder Besetzung besprechen und analysieren die Macher des gleichnamigen Blogs die Spiele des FC Bayern, wobei nicht nur die erste Mannschaft, sondern regelmäßig auch die Amateure und seit kurzem auch das Damenteam im Blickpunkt stehen.
  • Erfolgsfans: Der Name ist Programm: hier beschäftigt man sich ebenfalls mit dem FC Bayern, wobei die nüchterne Analyse häufig gegen die Fanbrille getauscht wird – gleichwohl unterhaltsam und informativ.
  • Rekordmeister: Der einzige englischsprachige Bayern-Podcast besticht durch rasante Wechsel zwischen taktischer Analyse und absurden Abschweifungen. Beliebte wiederkehrende Themen sind der Paulaner Cup, Spielerfrisuren und Edgar Prib.
  • Rasenfunk: Max-Jacob Ost und Frank Helmschrott, beide als regelmäßige Fehlpass-Gäste bekannt, sind seit Beginn dieser Saison auf Sendung und besprechen in der “Schlusskonferenz” mit wechselnden Gästen den aktuellen Bundesliga-Spieltag. Interessantes Feature dabei ist, dass auch live Fragen von Hörern per Social Media aufgegriffen werden. Mit dem “Tribünengespräch” ist ein weiteres Format geplant, auf das ich schon sehr gespannt bin.
  • Collinas Erben: Klaas Reese und Alex Feuerherdt blicken aus der Schiedsrichter-Perspektive auf Bundesliga, Europapokal und Länderspiele und erklären strittige Szenen. Es lohnt sich auch das Nachhören älterer Folgen, da nach und nach die offiziellen Fußballregeln en detail erklärt wurden.
  • Gespräch en Blog: Leider viel zu selten erscheinende Gesprächsreihe der “Fokus Fußball”-Macher zu interessanten Themen abseits des Fußballplatzes.
  • Forecheck: Christoph Fetzer ist Sportkommentator bei Laola1.TV und umtriebiger Podcaster. Außer mit Fußball beschäftigt er sich auch mit Eishockey und anderen Sportarten, weshalb für Leute wie mich, die in erster Linie an den Fußball-Episoden interessiert sind, die Feeds seit kurzem getrennt erhältlich sind. Häufiger Gesprächsgast ist Christopher Ramm aus dem Miasanrot-Team.
  • Spielverlagerung: Hier liegt der Fokus klar auf der Taktik. Wer mit Begriffen wie “Pressingresistenz” oder “abkippende Sechser” nichts anfangen kann, wird sich beim Zuhören eher schwertun, aber wer sich etwas mehr für Fußballtaktik interessiert, kann hier viel erfahren. Leider ist die Tonqualität häufig sehr bescheiden.
  • Sportgespräch: Der Deutschlandfunk bietet viele (oder sogar alle?) seiner Sendungen auch als “Audio on demand” an, d. h. die Sendungen lassen sich u. a. als Podcast abonnieren. Im Sportgespräch geht es zuweilen um Fußball, häufiger jedoch auch um andere Sportarten, Sportpolitik, Doping und andere Themen.

Wer es mit anderen Erst- oder Zweitligisten hält, hat gute Chancen, in den einschlägigen Podcast-Verzeichnissen (z. B. iTunes Store, Google Play etc.) fündig zu werden. Leider gibt es keinen Podcast zum SV Wehen Wiesbaden oder generell zur Dritten Liga, zumindest ist mir nichts dergleichen bekannt. Wer etwas in dieser Richtung kennt oder aufziehen möchte, möge sich bitte bei mir melden.

Generell kann ich jedem, der bisher noch keine Podcasts hört, empfehlen, sich mal damit zu beschäftigen. Es gibt unzählige Beiträge zu den unterschiedlichsten Themen – ein ganzes Universum an Information und Unterhaltung.

Beleidigte Spitzenreiter

3. Liga, 16. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – Chemnitzer FC 2:0 (Tore: Schnellbacher, Mintzel)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Anfangs mühsam, später verdienter Sieg.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Die erste Halbzeit war aus Sicht des SVWW eher bescheiden, aber während die Gäste trotz engagierten Spiels keine wirkliche Torgefahr entwickeln konnten, hatte der SVWW immerhin drei gute Möglichkeiten. Zuerst scheiterte Schnellbacher nach schöner Vorarbeit von Vunguidica am Torwart, danach erging es Mintzel bei einem Freistoß genauso, bevor schließlich Jänicke einen gegnerischen Pass abfing, schnell konterte und Schnellbacher bediente, der überlegt zur 1:0-Pausenführung abschloss. Wie so oft war die zweite Hälfte dann auch spielerisch deutlich besser und der SVWW kam zu weiteren Chancen. Alf Mintzel schloss schließlich einen weiteren Konter, den er selbst eingeleitet hatte, zum 2:0-Endstand ab.

Liebling des Spiels: Alf Mintzel gelang in der ersten Halbzeit zumindest in der Defensive so wenig, dass es beim Zusehen fast schon weh tat. Umso schöner, dass er – wie das restliche Team – in der zweiten Hälfte aufdrehte und sich selbst mit seinem ersten Saisontreffer belohnte.

Szene des Spiels: 75. Minute, Mintzel gewinnt den Ball am eigenen Strafraum und läuft los. Und läuft und läuft, bedient schließlich Vunguidica auf Außen, bekommt den Ball zurück und schiebt zum 2:0 ein.

Vor dem Spiel: Recht lange Schlangen vor dem Eingang. Wie soll das erst werden, wenn mal mehr als 4.000 Zuschauer kommen?

Nach dem Spiel: Verzichtete die Mannschaft darauf, sich von der Nordwand feiern zu lassen – offenbar ist man sauer, beim letzten Heimspiel ausgepfiffen worden zu sein. Dass die Leistung dabei ziemlich unterirdisch war, wird anscheinend nicht als ursächlich für das unzufriedene Publikum wahrgenommen. Sehr fraglich, ob so eine beleidigte Reaktion wie heute zu mehr Unterstützung und dem vielbeschworenen Wir-Gefühl führt.

Das fiel auf:
- In der ersten halben Stunde relativ wenig Fußball vom SVWW, stattdessen viele lange Bälle, Fehlpässe, Missverständnisse.
+ Trotz einiger Wackler in der Defensive wurden Chemnitz nahezu keine Torabschlüsse gestattet, wobei das auch teilweise am CFC selbst lag (nur ein Tor in den letzten sieben Spielen).
+ Michael Wiemann, der für den gesperrten Nico Herzig in die Innenverteidigung rückte, räumte völlig humorlos alles ab und gewann gefühlt 100 Prozent seiner Zweikämpfe.
+ Luca Schnellbacher durfte zum zweiten Mal hintereinander im Sturmzentrum beginnen, war wie immer sehr einsatzfreudig und erzielte seinen zweiten Saisontreffer.

Zuschauer: 3.210, davon etwa 400 Gästefans.

Tabelle: Dank Bielefelds Niederlage in Kiel springt der SVWW wieder auf Platz 1 und hat mit 29 Punkten zwei Zähler Vorsprung auf die Verfolger. Duisburg oder Münster können aber mit einem Sieg im direkten Duell bis auf einen Punkt herankommen.

Serien und Rekorde: Meine persönliche Serie dieser Saison hält weiterhin an: im Stadion nur Siege gesehen (das Pokalspiel mal ausgenommen). Ich werde mich bemühen, keine weiteren Heimspiele zu verpassen.

Ansonsten: Durch das Stadionmagazin die Parallelen zwischen Kosmetik und Fußball gelernt – danke dafür.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag kommt es in Bielefeld zum nächsten Spitzenspiel. Die Arminia hatte letzte Woche erstmals die Tabellenspitze erobert und, ganz wie der SVWW zuvor schon dreimal, das folgende Spiel prompt verloren (0:1 in Kiel). Mit einem Unentschieden könnte ich ganz gut leben.