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SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball

Stehblog - SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball

Eiskalt verwandelt

3. Liga, 21. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – SpVgg Unterhaching 4:0 (Tore: Book, Schnellbacher, Schindler, Mrowca)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Etwas zu deutlich, aber verdient.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Die erste Halbzeit war ziemlich harte Kost. Eine gewisse Verunsicherung aufgrund der jüngsten Niederlagenserie war nicht zu verkennen und äußerte sich u. a. in zahlreichen Fehlpässen. Hinzu kam eine gewisse Aggressivität der Gäste, mit der die Rotschwarzen erstmal zurecht kommen mussten und die dann zu zahlreichen kleinen Zweikampfscharmützeln führte. Der SVWW hatte einige wenige Chancen und kurz vor der Pause verwandelte Book eine Mintzel-Flanke zur Führung. Direkt nach Wiederanpfiff leitete Book einen Konter ein, wurde nicht entscheidend gestört und hatte den Blick und die Technik für einen exakten Pass auf den kreuzenden Schnellbacher, der den Ball geschickt am Torwart vorbeischob. Mit der 2:0-Führung im Rücken tat sich der SVWW nun leichter und kam zu weiteren Torgelegenheiten, aber erst in der Schlussphase fielen noch das 3:0 durch den eingewechselten Schindler, der nach einem tollen Doppelpass zwischen Book und Benyamina nur noch einzuschieben brauchte, sowie das 4:0 durch Mrowca, nachdem die Gäste einen Eckball gleich mehrmals nicht klären konnten. Unterm Strich ein verdienter Sieg, der etwas zu hoch ausfiel, da Unterhaching es dem SVWW vor allem in der ersten Halbzeit sehr schwer machte.

Liebling des Spiels: Nils-Ole Book. Dreh- und Angelpunkt der Wehener Offensivbemühungen, erzielte das 1:0 selbst, gab die Vorlage zum 2:0 und den vorletzten Pass zum 3:0.

Szene des Spiels: 84. Minute, Kevin Schindler wird eingewechselt und im Stehblock ist man sich über die Sinnlosigkeit seiner Verpflichtung einig. Wenige Sekunden später drückt er eine Hereingabe von Soufian Benyamina über die Linie.

Vor dem Spiel: Wurden am Eingang Nikolausmützen verteilt.

Nach dem Spiel: Hatte man am Ausgang die Wahl zwischen Einlegesohlen mit Spiderman- oder Cinderella-Motiv.

Das fiel auf:
+ Trotz einiger leichter Ballverluste im Mittelfeld kam der Gegner zu keinen klaren Chancen. Michael Wiemanns Rückkehr nach abgesessener Rotsperre hatte offenbar einen größeren Effekt als das Fehlen von Nico Herzig.
– Die offensiven Außenpositionen weiterhin mit deutlichen Schwächen. Sowohl Jänicke als auch Riemann zwar sehr engagiert, aber häufig auch glücklos oder mit den falschen Entscheidungen. Riemann zog beispielsweise immer in die Mitte, statt auch mal konsequent auf den Flügel zu gehen.
+ Kevin Schindler und Sebastian Mrowca erzielten ihre jeweils ersten Treffer im SVWW-Trikot.

Zuschauer: 3.936, davon etwa 20 Gästefans. In der zweiten Halbzeit ließen sich sogar Ost- und Westtribüne zu etwas Support hinreißen.

Tabelle: Der SVWW hat nun 33 Punkte und verbessert sich um einen Rang auf Platz 8. Der Rückstand auf Relegationsplatz 3 beträgt zwei Punkte, zu den direkten Aufstiegsplätzen jedoch weiterhin sechs bzw. sieben Punkte.

Serien und Rekorde: Es gab für keinen einzigen der eingesetzten 23 Spieler eine gelbe oder rote Karte – dürfte wohl eher selten sein.

Ansonsten: Nach dem Spiel gab es – einem Bericht des WK zufolge – am Bahnhof zu einer Auseinandersetzung zwischen Wehener und Hachinger Fans, als eine Gruppe SVWWler wohl auf die Hachinger losgingen. Bescheuert, armselig und feige obendrein – sowas braucht kein Mensch.

Nächstes Spiel: Das letzte Spiel des Jahres findet am kommenden Samstag um 14 Uhr bei der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund statt. Die Amateure stehen (wie die erste Mannschaft) aktuell auf Tabellenplatz 16, sind aber seit fünf Spielen unbesiegt (zwei Siege, drei Unentschieden, zuletzt gewann man 2:0 in Kiel). Im Hinspiel siegte der SVWW durch einen Last-Minute-Treffer von Marius Kleinsorge mit 1:0.

Zurück im Mittelmaß

3. Liga, 20. SpieltagStuttgarter Kickers – SV Wehen Wiesbaden 2:1 (Tor: Benyamina)

Das Spiel in maximal fünf Worten: In letzter Sekunde verdient verloren.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten: Nahezu keine Torchance und nur mit Glück und dank des Unvermögens der Kickers nicht schon viel früher in Rückstand geraten, dann durch einen Handelfmeter zum Ausgleich gekommen und schließlich in der Nachspielzeit durch einen erfolgreichen Konter doch noch verloren. Zu diesem Zeitpunkt natürlich bitter, aber aufgrund des Spielverlaufs kann sich niemand über die Niederlage beschweren.

Liebling des Spiels: Daniel Engelbrecht, der nach einer Herzoperation nun mit einem Defibrillator in der Brust erst vor zwei Wochen sein Comeback gab und am Samstag den Siegtreffer erzielte. Eine tolle Geschichte für den Jungen, aber es hätte ja nicht unbedingt gegen den SVWW sein müssen.

Das fiel auf:
- Trotz einer nominell offensiven Aufstellung (zwischen den beiden Außen Vunguidica und Jänicke spielten mit Schnellbacher und Benyamina zwei echte Stürmer) hatte der SVWW aus dem Spiel heraus keine einzige wirkliche Torchance. Es gab einen Freistoß von Wein, einen halbwegs gefährlichen Kopfball von Herzig nach einer Ecke und den Elfmeter, das war’s.
– In langen Phasen des Spiels passierte auf beiden Seiten wenig bis nichts, aber letztlich wurden den Kickers doch zuviele Chancen gestattet. So kann man halt nicht gewinnen.

Zuschauer: 2.155, davon eine Busladung Wehener.

Tabelle: Der SVWW verharrt weiterhin bei 30 Punkten und ist mittlerweile auf Tabellenplatz 9 abgerutscht. Bis Platz 2 sind es schon sechs Punkte Abstand, ebenso wie zu Platz 14.

Serien und Rekorde: Schon zum zweiten Mal in dieser Saison kassiert der SVWW drei Niederlagen in Folge, aus den letzten sieben Spielen konnte man nur vier Punkte mitnehmen.

Ansonsten: Unter der Woche verlängerten nach Cheftrainer Kienle auch Co-Trainer Bernd Heemsoth und Fitness-Trainer Sebastian Wagener ihre Verträge bis 2017.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag um 14:00 Uhr findet das letzte Heimspiel des Jahres gegen die Spielvereinigung Unterhaching statt. Die Hachinger stehen aktuell mit 23 Punkten auf Platz 15, gestern gab es ein 1:1 gegen Holstein Kiel. Unterhaching hat seit dem 5. Spieltag auswärts nicht mehr gewonnen. Das letzte Heimspiel vor Weihnachten soll eine neue Tradition in der Brita-Arena begründen, mit Singen, Charity und Weihnachtstrullala. Außerdem haufenweise Freikarten, damit (angeblich/hoffentlich) 6.000 Leute ins Stadion kommen.

 

Herbstmeister… ist jemand anderes

3. Liga, 19. SpieltagMSV Duisburg – SV Wehen Wiesbaden 3:2 (Tore: Funk, Vunguidica)

Das Spiel in maximal fünf Worten: Zweimal ausgeglichen und trotzdem verloren.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Die erste Halbzeit war relativ arm an Höhepunkten, außer den beiden Toren zum 1:1-Halbzeitergebnis passierte nicht viel. Debütant Funk hatte die MSV-Führung egalisiert. Die zweite Hälfte war dann deutlich interessanter und endete, nachdem Vunguidica erneut die Duisburger Führung ausgeglichen hatte, mit dem späten Siegtreffer für die Gastgeber. Nicht gänzlich unverdient, aber dennoch ärgerlich.

Liebling des Spiels: Patrick Funk. Gab nach langer Verletzungspause sein Liga-Debüt für den SVWW und erzielte gleich ein Tor.

Szene des Spiels: 55. Minute, Kopfball aus kurzer Distanz, aber Kolke wehrt mit einem sensationellen Reflex ab. Nachdem er auch noch den Nachschuss pariert hat, zwinkert er seinem Mitspieler wissend zu.

Vor dem Spiel: Konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Spiel für MSV-Coach ein ganz besonderes sei. Oder auch nicht.

Nach dem Spiel: Glühwein auf dem Sternschnuppenmarkt. Was bleibt einem sonst übrig?

Das fiel auf:
– Die beiden Außenspieler Vunguidica und Jänicke waren fast komplett abgemeldet, sodass der SVWW zu wenigen vielversprechenden Offensivaktionen kam.
+ Das einzige mal, als Vunguidica sich gegen seinen Gegenspieler durchsetzen konnte, führte prompt zu seinem Tor.
– Allen Gegentoren gingen individuelle Fehler der Abwehr voraus. Klar, Binsenweisheit, dass ohne Fehler selten Tore fallen, aber mit zuvielen Fehlern kann man halt nicht gewinnen.

Zuschauer: 10.203, davon ca. 100 Wehener.

Tabelle: Der SVWW bleibt bei 30 Punkten und beendet die Hinrunde auf Platz 7. Der Abstand zu Platz 3 beträgt drei Punkte, zu Platz 1 vier, und nach unten zu Platz 11 gerade mal zwei Punkte.

Serien und Rekorde: Sebastian Mrowca schaffte das Kunststück, in jedem der letzten fünf Ligaspiele – seit er nicht mehr als Rechtsverteidiger, sondern im defensiven Mittelfeld aufläuft – eine gelbe Karte zu sehen. Aufgrund der nun folgenden Sperre wird diese Serie nächste Woche reißen.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag um 14 Uhr gastiert der SVWW am ersten Rückrundenspieltag bei den Stuttgarter Kickers. Das Spiel findet aufgrund der Umbaumaßnahmen im GAZI-Stadion im Reutlinger Stadion „An der Kreuzeiche“ statt. Die Kickers legten nach der Auftaktniederlage in Wiesbaden gut los und waren nach dem 6. Spieltag Tabellenführer, kamen zuletzt aber aus dem Tritt. Die letzten sechs Partien konnten nicht gewonnen worden, wobei es fünf Unentschieden hintereinander gab.

Interview mit Kees Jaratz: “Der Fußball zwingt in die Gegenwart”

Seit 2008 bloggt Journalist und Buchautor Ralf Koss als Kees Jaratz im Zebrastreifenblog über den MSV Duisburg. Vor dem Gastspiel des SV Wehen Wiesbaden an der Ruhr unterhielten wir uns unter anderem über Fußball im Ruhrgebiet und ehemalige Wehener beim MSV.

 

Hallo Kees – oder soll ich sagen: hallo Ralf. Stell Dich doch bitte kurz vor und erkläre uns, wie es zu Deinem Pseudonym Kees Jaratz kam?

Seit Anfang der 1970er Jahre gehen der MSV Duisburg und ich gemeinsam durchs Leben. Eindrücke während der Jugend prägen besonders. Das muss man im Kopf behalten, wenn ich gleich aufs Pseudonym zu sprechen kommen. Ich verdiene mit Schreiben seit Jahren mein Geld, Schreiben in unterschiedlichsten Formen und Medien, in den letzten Jahren vor allem als Buchautor. Als ich 2008 mit dem Blog begann, wollte ich mir vor allem ein Medium schaffen, in dem ich mein eigener Redakteur war. Ich wollte schreiben, ohne das Thema vorher anpreisen zu müssen, es verkaufen müssen. Mir ging es um Zugang zur Öffentlichkeit, und ich wollte meine Themen rund um den Fußball ansiedeln, ohne mich auf den Fußball zu beschränken. Das Pseudonym hielt ich damals für notwendig, um das Schreiben im Blog von meinem beruflichen Schreiben zu trennen. Inzwischen hat sich das eigentlich erledigt. Aber Kees Jaratz ist nun mal in der Welt, zumal ich mit dem Namen ja auch drei große Spieler des MSV Duisburg der 1970er Jahre ehre: Kees Bregmann, Kurt Jara und natürlich Bernard Dietz, dessen Name nur wegen des Pseudonymklangs mit den wenigsten Buchstaben vorkommt.

Du hast sowohl unter Deinem bürgerlichen Namen als auch unter Deinem Pseudonym bereits einige Bücher veröffentlicht, unter anderem mit dem hier gut bekannten Trainer Baade111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“. Worum geht es dabei?

Dieses Buch war ein Herzensprojekt. Mich beschäftigt die Identität des Ruhrgebiets schon lange, und der Fußball gehört in dieser Region auf besondere Weise zum Selbstverständnis der meisten dort lebenden Menschen. Für mich gleicht der Fußball im Ruhrgebiet dem Karneval in Köln als möglicher Bezugspunkt für Gemeinsamkeit – trotz aller Fanrivalitäten. In dem Buch erzählen wir nun Geschichten, in denen die besondere Bedeutung dieses Fußballs im Ruhrgebiet erkennbar wird. Es sind eigentlich Orte, die Fußballgeschichte erzählen. Der Reihentitel weckt da vielleicht falsche Erwartungen. Kürzlich erst hat der Verlag den Titel der Reihe variiert. Nun kann es etwa auch “111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen” heißen. Dabei habe ich mich ein weiteres Mal dem Herzensthema Ruhrgebiet widmen können. Fußballorte sind natürlich auch wieder dabei.

Reden wir über den MSV Duisburg. Traditionsverein, Bundesliga-Gründungsmitglied, 28 Jahre in der höchsten Spielklasse zuhause – und jetzt schon im zweiten Jahr nur in der Dritten Liga am Start. Schmerzt das noch sehr oder bist Du froh, dass es nach der Beinahe-Insolvenz im letzten Jahr überhaupt noch Profifußball in Duisburg gibt?

Weder noch, ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Da bin ich ganz bei den Fußballprofis mit ihren Standardantworten nach Niederlagen. Abhaken, Mund abwischen, wir stehen, wo wir stehen, nach vorne sehen. All das. Das ist für mich das Angenehme beim Fußball. Er zwingt in die Gegenwart. Es nutzt kein Blick zurück. Es nutzt kein Blick zwei Spiele weiter. Das nächste Spiel ist immer das, um das es geht.

Hilft bei der Einordnung auch die Erfahrung aus den 80er Jahren, als der MSV schon mal für drei Jahre in die damals drittklassige Oberliga abgetaucht war?

Das mag erst einmal so scheinen. Doch im Grunde ist der Fußball der Gegenwart gegenüber dem von Anfang der 1980er Jahre doch ein anderer Sport geworden. Damals in der dritten Liga, das war in Teilen Sport auf dem Dorf am Niederrhein. Was heute vielleicht fünfte Liga ist. Zudem hatte der Verein seinerzeit einen kontinuierlichen Niedergang durchgemacht und großen Bedeutungsverlust erfahren. Das ist mit der Situation heute nicht vergleichbar. Die Bedeutung des MSV hat sich im letzten Sommer mehr als deutlich gezeigt, und die 3. Liga ist eine professionelle Unternehmung.

Lass mich aber noch etwas sagen, was eigentlich zu weit führt, aber mir automatisch in den Sinn kommt, wenn von der Oberliga-Zeit die Rede ist. In dem Zusammenhang muss einfach der Mann genannt werden, dessen Energie und Tatkraft es überhaupt zu verdanken ist, dass es für den MSV Duisburg wieder nach oben ging: Dieter Fischdick, Meidericher, SPD-Ratsherr, MSV-Anhänger wollte den Niedergang des MSV nicht hinnehmen, wurde MSV-Präsident und organisierte die für Erfolg notwendige Stabilität im Verein. Er starb, gerade mal Ende 50, während einer Pressekonferenz vom MSV. Wenn ich an ihn erinnere, geht es mir darum, dass in Vereinen wie dem MSV Duisburg letztlich solche Menschen Verantwortung tragen müssen, die sich um der Sache Willen einsetzen. Und da sind wir dann doch bei der Orientierungshilfe. Seit dem Sommer letzten Jahres gibt es sie erneut.

Die letzte Saison begann nach der Last-Minute-Rettung turbulent, Trainer Kosta Runjaic verließ den Verein und der Kader konnte erst spät zusammengestellt werden. Trotzdem gelang eine verhältnismäßig ruhige Saison, die der MSV überwiegend in der oberen Tabellenhälfte verbrachte. War das angesichts der Situation das Optimum oder hatte man in Duisburg insgeheim mit der direkten Rückkehr in die Zweite Liga geliebäugelt?

Hoffen darf man als Anhänger seines Vereins so etwas doch immer, und das ansprechende Offensivspiel zu Beginn der Saison übertraf ja alle Erwartungen. Doch eines war klar, das Offensivspiel führte zur scheunentoroffenen Defensive. Die Abwehr wurde dann zwar stabilisiert, die Kosten in der Offensive waren aber zu hoch. Ab Mitte der Saison war abzusehen, eine Entwicklung hin zu einem erfolgreicheren Gleichgewicht wird es nicht geben. Ich kann das nicht beurteilen, ob ein anderer Trainer erfolgreicher gewesen wäre. Sieht man sich die drei Aufsteiger an, scheint es mir aber so: alle drei spielten mit einer stärkeren Besetzung als sie der MSV vorweisen konnte. Das ist in dieser Saison ganz klar anders. Es gibt keine Mannschaften, deren Spielanlage deutlich die der anderen überlegen ist.

Man trennte sich jedenfalls von Trainer Karsten Baumann und holte Gino Lettieri, den wir hier aus seiner Zeit beim SVWW natürlich noch gut kennen. Wie schlägt er sich bisher, wie ist Dein Eindruck von ihm?

Nach der Niederlage in Kiel gibt es zum ersten Mal eine Durststrecke für die Mannschaft und ihn. Grundsätzlich sah es bisher so aus, als habe er der Mannschaft zu einer guten Struktur verholfen. Es fällt allerdings auf, dass das Offensivspiel in den letzten Wochen zu wünschen übrig lässt. Oft wirkt es so, als fehlten klare Bewegungsabläufe.

Als seine Neigung erkennbar wurde, Positionen der Mannschaft immer wieder neu zu besetzen, musste ich an die kritischen Stimmen bei euch denken. Grundsätzlich gehört das ja in Teilen zum modernen Fußball, der Spieler einsetzbar auf allen Positionen, gewöhnungsbedürftig ist es aber dennoch, wenn jedes Spiel die Abwehrreihe neu formiert ist. So lange die Mannschaft erfolgreich ist, gibt es dazu höchstens erstauntes Raunen. Im Misserfolgsfall wurde das in den Foren auch schon thematisiert. Das ist etwas Grundsätzliches, ungewöhnliche Maßnahmen brauchen mehr Kommunikation, damit das Umfeld nicht unruhig wird. Bislang war seine Erklärung, Verletzungen hätten diese Umstellungen notwendig gemacht. Für alle Umstellungen gilt das aber nicht. Da bleibt etwas offen, was nur Erfolg nicht zum Problem werden lässt.

Nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz finden wir mit Zlatko Janjic und Steffen Bohl bekannte Gesichter. Was kannst Du uns von den beiden berichten?

Steffen Bohl sollte wahrscheinlich Gino Lettieris wichtigster Spieler sein, gerade auch weil er eben auf jeder Position einsetzbar ist. Es gab ein Spiel, in dem er über die Zeit von der Verteidigerposition über das Mittelfeld in den Sturm gewechselt ist – je nachdem, wer gerade ausgewechselt wurde. Er ist Mannschaftskapitän, aber Oberschenkelprobleme sind nun zum Muskelriss geworden. Er ist also am Samstag nicht dabei.

Für eine Offensive, die mit Einzelaktionen zum Ziel kommen will, ist Zlatko Janjic unverzichtbar. Technisch stark, das wisst ihr selbst. Andererseits schaut er nach meinem Geschmack oft zu früh hilfesuchend zum Schiedsrichter. Das ist natürlich dem mangelnden Mannschaftsspiel in der Offensive geschuldet. Sich gegen drei Leute durchzusetzen, kann überfordern. Ein Teil seiner Tore sind Freistoßtore und Elfmeter gewesen. Wieviel genau, weiß ich jetzt nicht. Auch daran ist zu erkennen, dass es aus dem Spiel heraus momentan hapert.

Janjic ist mit bisher sieben Treffern der beste Torschütze, während Kingsley Onuegbu, der Torjäger der vergangenen Saison, erst ein Tor erzielen konnte. Woran liegt’s? 

Schon in der Rückrunde der letzten Saison spielte Kingsley Onuegbu immer schlechter. Ich will das weniger mit Toren belegen als mit seinem Ballgefühl. Denn dass er nach der starken Hinrunde bei besonderem Augenmerk der Gegner-Defensive weniger Tore erzielt, scheint mir verständlich zu sein. Aber es liegen Welten zwischen seiner Ballannahme in den ersten Monaten in Duisburg und dem, was er momentan kann. Wenn seinerzeit der Ball am Fuß klebte, springt er jetzt meist fort. Warum? Auch das als Unsicherheit wegen vermehrter Arbeit der Defensive? Ich weiß es nicht.

Aktuell liegt der MSV nur auf Platz 10, aber der Abstand zum Tabellenführer Preußen Münster beträgt gerade mal vier Punkte. Sollten Janjic und Onuegbu beide regelmäßig treffen, wäre Duisburg ein ganz heißer Aufstiegsfavorit, oder?

Tatsächlich glaube ich nicht, dass Onuegbu so bald wieder regelmäßig spielt. Kevin Scheidhauer hat ihn erst einmal verdrängt. Du berührst aber den wunden Punkt im Spiel des MSV. Die Mannschaft kommt zu keinen klaren Torchancen. Und starke Abwehrreihen hat diese Liga nun genug. Andererseits fühlt sich die Mannschaft schon selbstbewusst genug, um oben dabei zu sein. Ob mit Recht, ist schwierig vorherzusagen. Momentan fehlt es weniger an Torschützen als an Ideen, Spieler dorthin zu bekommen, wo sie überhaupt Torschützen werden können. Es fällt auf, dass das Offensivspiel oft Stückwerk bleibt und Einzelaktionen zu sehen sind. Ich denke, da ist der Trainer für Lösungen gefragt.

Zum Abschluss noch was ganz anderes. An Stadien mit Sponsorennamen hat man sich ja längst gewöhnt, aber Euer Stadion hat, mit Verlaub, einen der beknacktesten oder wenigstens umständlichsten Namen abbekommen. Sagt irgendein Fan jemals “Schauinsland-Reisen-Arena” oder bleibt es einfach beim Wedaustadion, was vorher an gleicher Stelle stand?

Tja, wenn Unternehmen, die sponsern, lange Namen besitzen, wird das mit dem Stadion-Namen schwierig. Ich kenne niemanden, der das sagt, auch wenn Schauinsland-Reisen es mehr als verdient hätte. Gerald Kassner als Geschäftsführer des Reiseunternehmen ist auch so ein Duisburger, der sein Engagement im Fußball beim MSV auch als Engagement für die Lebensqualität Duisburgs in einen städtischen Zusammenhang bringt. Ihm geht es natürlich auch um eine Werbewirkung, aber wenn man die Mithilfe des Unternehmens bei der Rettung des MSV Duisburg sieht, erkennt man schnell, dass es für Schauinsland-Reisen um sehr viel als um das reine Geschäft gegangen ist. Wedaustadion als Name scheint mir allerdings auch allmählich zu verblassen. Ich habe eher den Eindruck, das Ganze wird namenlos: das Stadion, die Arena. Ich kann mich aber auch täuschen.

Zum Schluss der obligatorische Tipp, wie geht’s am Samstag aus? Und die Bonusfrage: auf welchen Plätzen stehen der MSV und der SVWW, wenn wir uns am 23. Mai zum letzten Saisonspiel wiedersehen?

Damit das Ziel gemeinsamer Aufstieg für den MSV nicht in die Ferne rückt, muss leider Gottes dein Verein am Samstag verlieren. Ein 1:0 ist ja wahrscheinlich. Danach können unsere Vereine dann wieder auf ihren getrennten Wegen am Projekt gemeinsamer Aufstieg weiterarbeiten. Bei der Feier wäre ich dann dabei.

Das wäre natürlich phänomenal, am letzten Spieltag den gemeinsamen Aufstieg in der Brita-Arena zu feiern.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Ralf!

Ein 0:1 der besseren Sorte

3. Liga, 18. SpieltagSV Wehen Wiesbaden – Fortuna Köln 0:1

Das Spiel in maximal fünf Worten: Unverdiente und unnötige Niederlage.

Das Spiel in etwas mehr als fünf Worten:
Insgesamt eigentlich ein ziemlich gutes Spiel des SVWW, der über die komplette Spielzeit die bessere Mannschaft war (wenn wir mal über die 15-20 Minuten vor der Pause hinwegsehen, in der beide Mannschaften nur Grütze gespielt haben) und auch mehr Torchancen hatte. Letztlich fehlte in ein paar Szenen das Glück, zumal der gegnerische Torwart auch einen absoluten Sahnetag erwischt hatte. Richtig dumm und ärgerlich, dass man sich gegen Ende einen Konter einfing und nicht mal das 0:0 über die Zeit brachte.

Liebling des Spiels: Fortunas Torwart André Poggenborg, der einfach alles hielt.

Szene des Spiels: 35. Minute, Vunguidica flankt auf Jänicke, der den Ball von rechts scharf in den Fünfmeterraum passt. Ein Fortuna-Verteidiger fliegt heran und setzt den Ball an den Außenpfosten. Nachdem vorher schon einige ordentliche Chancen vereitelt wurden, war spätestens jetzt klar, dass das Toreschießen an diesem Tag ein ungeheuer schwere Angelegenheit für den SVWW werden würde.

Vor dem Spiel: Schon wieder lange Schlangen an Eingang 4 – die Hoffnung auf eine überdurchschnittliche Zuschauerzahl erfüllte sich aber leider nicht.

Nach dem Spiel: Festgestellt, dass es nur noch ein Heimspiel in diesem Jahr gibt. Doof.

Das fiel auf:
+ Alexander Riemann sehr agil und mit einigen guten Chancen.
– Dem Gegner wurden zuviele Torschüsse gestattet – möglicherweise machte sich da das Fehlen von Michael Wiemann bemerkbar.
– Aus einem Dutzend Ecken und zahlreichen Flanken resultierte absolut gar nichts, denn die großen Fortuna-Verteidiger gewannen so ziemlich jeden Luft-Zweikampf.
+/- Schiedsrichter Thomsen ließ ziemlich viel laufen, ohne dass ihm das Spiel dadurch entglitt. Allerdings sah der Ellenbogentreffer gegen Luca Schnellbacher in der Schlussphase für mein Dafürhalten arg nach Foul aus, wurde aber nicht geahndet.
– Schon die zweite unnötige Heimniederlage gegen einen Aufsteiger.

Zuschauer: 2.950, davon ca. 200 Gästefans.

Tabelle: Der SVWW rutscht auf Platz 4 ab und hat nun zwei Punkte Rückstand auf Tabellenführer Münster – und auch gerade mal zwei Punkte Vorsprung vor Dresden auf Platz 11.

Serien und Rekorde: Es bleibt dabei: wenn der SVWW als Tabellenführer in den Spieltag geht, kann er nicht gewinnen. Meine persönliche Serie (in dieser Saison bisher nur Siege in Ligaspielen gesehen) ist gerissen.

Nächstes Spiel: Am kommenden Samstag beim MSV Duisburg. Die Mannschaft von Ex-SVWW-Trainer Gino Lettieri (und mit unseren Ex-Spielern Zlatko Janjic und Steffen Bohl) steht mit zwei Punkten weniger als der SVWW aktuell auf Platz 10. Nachdem der MSV zwischenzeitlich auf dem zweiten Tabellenplatz stand, konnte von den letzten sechs Ligaspielen nur eins gewonnen werden. Am vergangenen Wochenende gab es eine 1:0-Niederlage in Kiel.