Bleidenstadt und das Elfmeterschießen

Seit einiger Zeit spiele ich wieder aktiv Fußball oder zumindest so etwas ähnliches, jedenfalls renne ich ein bisschen rum und trete ab und zu mal gegen den Ball, nicht im Verein, sondern in privater Runde. Macht mir auf alle Fälle deutlich mehr Spaß als nur zu joggen oder anderen eintönigen Leibesertüchtigungen nachzugehen. In diese donnerstägliche Kickrunde kam ich über ein paar Jungs, mit denen ich seit Jahren in der Brita-Arena zusammenstehe und die mir das allzu häufig frustrierende Stadionerlebnis nicht nur erträglicher machen, sondern oft auch der einzige verbliebene Grund sind, überhaupt noch hinzugehen. Die meisten kommen aus Taunusstein und sind nicht zu Unrecht Mitglied bei den “Weher Originalen”, während ich ja erst mit dem Umzug nach Wiesbaden Anhänger des SV Wehen (bzw. ab dann SV Wehen Wiesbaden) wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kickerei drüben in Taunusstein, genauer gesagt in Bleidenstadt, stattfindet. Für die Leser, die mit den hiesigen geographischen Verhältnissen nicht ganz vertraut sind: Bleidenstadt ist, wie Wehen, ein Stadtteil von Taunusstein und etwa 10-15 Autominuten von Wiesbaden entfernt.

Beim gestrigen Kicken – bzw. beim Bier danach – war natürlich auch das DFB-Pokalhalbfinale zwischen Bayern und Dortmund ein Thema, vor allem das groteske Elfmeterschießen, bei dem bekanntlich Bayern das Kunststück schaffte, alle vier Elfmeter zu verschießen. Einer meiner Mitspieler berichtete, beim kicker gelesen zu haben, dass zuvor erst ein einziges Mal in der Geschichte des DFB-Pokals eine Heimmannschaft im Elfmeterschießen keinen einzigen Treffer erzielen konnte, nämlich der FC Homburg in der Saison 1974/75. Der damalige Gegner war der TSV Bleidenstadt, was bei uns allen für großes Staunen sorgte, denn die “großen Zeiten” des Vereins haben wir, die wir überwiegend so um die 40 Jahre alt sind, nicht miterlebt. Ungeklärt blieb aber am gestrigen Abend mangels ausreichender Mobilfunkabdeckung die Frage, gegen wen Homburg damals in der nächsten Pokalrunde spielte.

Das habe ich heute nachgeschaut, es war der SC Jülich, wo nach einem 2:4 Endstation war, aber viel interessanter fand ich dabei die besagte Partie gegen Homburg, denn es war nicht nur eine, sondern zwei. Nachdem das erste Spiel nach Verlängerung 0:0 geendet hatte, gab es zwei Wochen später ein Wiederholungsspiel, was ebenfalls torlos endete. Erst dann kam es zu diesem denkwürdigen Elfmeterschießen, das 2:0 für Bleidenstadt ausging. Allerdings lauteten, so denn die Angaben bei fussballdaten.de stimmen, beide Partien TSV Bleidenstadt gegen Homburg, und auch Wikipedia behauptet, dass es sich beide Male um Heimspiele für Bleidenstadt handelte. Laut kicker war aber der FC Homburg, zumindest in der zweiten Partie mit dem Elfmeterschießen, der Gastgeber – wer hat nun Recht? Aufklärung liefert (vermutlich) weltfussball.de, denn dort wird tatsächlich der FC Homburg als Heimverein aufgeführt – Spielort war aber das Stadion an der Berliner Straße in Wiesbaden (der heutige Helmut-Schön-Sportpark, direkt neben der Brita-Arena). Das wirft natürlich weitere Fragen auf: Wieso wurde das zweite Spiel nicht in Homburg ausgetragen? Oder wurde für das Entscheidungsspiel ein neutraler Platz gefordert – aber warum dann Wiesbaden? Reine Großzügigkeit der Homburger?

Mich würde das wirklich interessieren, also liebe Leser, falls Ihr damals dabei wart oder Fußballhistoriker seid oder die entsprechenden kicker-Ausgaben aus dem November 1974 auf dem Dachboden liegen habt – bitte meldet Euch im Kommentarbereich!

Schwedische Ultras und Hüpfburgen

Allsvenskan, 11. Spieltag: Djurgårdens IF – Kalmar FF 1:0

30.05.2013, Olympiastadion Stockholm, 7.208 Zuschauer

Fronleichnam – das letzte lange Wochenende bis Oktober galt es auszunutzen, was bei uns üblicherweise heißt: Koffer (bzw. Trolley) packen und nichts wie weg. Stockholm hieß das Ziel – letztes Jahr zum ersten Mal besucht, für sehr gut befunden, kann man öfter hin.

Da das aber auch bedeutete, dass ich das DFB-Pokalfinale nicht zuhause mit Gleichgesinnten anschauen können würde, konnte ich immerhin einen Stadionbesuch in Stockholm bei der Gemahlin raushandeln. Glücklicherweise spielt die schwedische Liga im Kalenderjahr, ist also noch mitten in der Saison, und das “am zentralsten” gelegene Team der Stadt, Djurgårdens IF, hatte ein Heimspiel am Donnerstag – perfekt.

Meine Tochter schloss sich mir an und als wir zum Stadion radelten, waren wir schon etwas überrascht, in der Menschenmenge davor einen Typen mit Pappschild mit der Aufschrift “Need ticket” zu sehen. Sollte das Spiel etwa ausverkauft sein? An einem Donnerstagabend (der in Schweden kein Feiertag ist) gegen ein Team aus einer fünf Autostunden entfernten Stadt und das nicht gerade der Erzrivale ist? Am Eingang dann aber Entwarnung, es gab noch ausreichend Karten – an diesem Eingang allerdings nur für den Hintertorbereich. Ich wollte lieber etwas näher am Supporterblock sein, also weiter zum Eingang auf der Westseite, wo es aber keinen Verkaufsschalter gab, sondern nur Einlass für Karteninhaber. Man schickte uns zurück, wo wir gerade herkamen. Wir entdeckten einen einigermaßen offiziell aussehenden Kartenverkäufer auf der Straße, der zwar selbst keine Tickets mehr für den gewünschten Bereich hatte, aber einen Kollegen anrief. Der Preis sollte 300 Kronen pro Karte für die Plätze an den Geraden sein oder 200 Kronen für die Hintertorkurve. Der Kollege kam schließlich, aber mir war nach kurzem Umrechnen 35 Euro dann doch etwas viel, die billigere Kategorie würde es auch tun. Als dann nun 500 Kronen für zwei Karten verlangt wurden, schaute ich ihn mehr als skeptisch an. Er verbesserte sein Angebot hastig auf 400, aber ich war misstrauisch geworden – Schweden ist zwar generell kein ganz billiges Vergnügen, Abzockerei war mir hier jedoch neu. Auf den Tickets war ein Preis von “SEK 0” aufgedruckt, aus welchen Quellen das auch immer stammen mochte. Wir verzichteten dankend, gingen zur Kasse am Eingang, an der wir vorher schon mal waren – und siehe da, mit 180 Kronen pro Nase waren wir dabei.

DIF spielt im Olympiastadion von 1912, was die Sache noch interessanter machte. Ich bin an sich kein großer Stadion-Nostalgiker und dem Trend, jede Bruchbude mit vergammelten Tribünen als “Kultstätte” zu glorifizieren, mag ich mich überhaupt nicht anschließen, aber hier ist es ganz anders. Der Baustil stammt wahrlich aus einer anderen Zeit. Die Grundform ist ein U mit Überdachung für den jeweils oberen Teil der Ränge und einer abschließenden, unüberdachten Tribüne auf der Nordseite. Durch die Holzbalken, die das Dach tragen, müssten nach heutigen Maßstäben die meisten Plätze als “sichtbehindert” deklariert werden, aber in dieser Umgebung fand ich das genauso passend und charmant wie die einfachen Sitzbänke aus Holz, die mich an meinen ersten Besuch im Frankfurter Waldstadion Mitte der 80er erinnerten. Eindeutig nicht zur Erstausstattung gehört die große Videowand, auf der nicht nur der Spielstand, Auswechslungen usw. dargestellt, sondern das komplette Spiel gezeigt wurde. Die Nordtribüne wird von zwei großen Türmen flankiert, an denen auch noch große Fahnen befestigt sind, sodass man ein bisschen den Eindruck einer mittelalterlichen Burg bekommt – allerdings verzichtete man erfreulicherweise auf Ritterspiele vor Anpfiff. Stattdessen fand geradezu ein Volksfest statt. Außer Imbiss- und Getränkeständen gab es ein Bierzelt für die Großen und zahlreiche Belustigungen wie Glücksrad, Geschicklichkeitsparcour, Hüpfburg usw. für die Kleinen. Brauchte ich jetzt nicht unbedingt, aber gegen die allgemein gute Laune sowie das dazu passende sommerliche Wetter hatte ich natürlich nichts einzuwenden.

Für den Einlauf der Mannschaften hatten die Ultras von DIF nicht nur eine Blockfahne und viele Fahnen vorbereitet, sondern das ganze zweimal, nämlich in unterschiedlichen Farben bzw. Motiven. Der schnelle Wechsel vom einen zum anderen Motiv war recht beeindruckend und sehr hübsch anzusehen. Der Support war außerordentlich gut, nicht nur aus dem Ultra-Block, sondern auch von den Fans auf der gegenüberliegenden Seite. Die Melodien der Lieder waren die bekannten Klassiker, die man auch in deutschen Stadien mit jeweils angepassten Texten hört, aber sehr erfreulich fand ich, dass tatsächlich viel gesungen wurde und nicht nur zweisilbige Schlachtrufe, “Allez, allez” u. ä. zu hören waren. Die Anfeuerungen der wenigen Gästefans am anderen Ende des Stadions waren von meiner Position aus nicht hörbar.

Das Spiel war nett anzuschauen. Beide Teams spielten offensiv nach vorne, aber an der Chancenverwertung haperte es enorm. DIF ging nach einer Viertelstunde in Führung und bei diesem 1:0 blieb es bis zur Halbzeit. In der Pause wurden ältere Herren, teils bierbäuchig, in Trikots präsentiert – vermutlich handelte es sich um Stars von früher, denn es gab reichlich Applaus von den Rängen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zündelten die Ultras tüchtig, aber das schien niemanden so richtig zu stören. Ich fragte mich schon, ob das in Schweden möglicherweise offiziell toleriert würde, aber nachdem noch zwei weitere Male bengalische Feuer gezündet wurden, gab es dann doch Lautsprecherdurchsagen. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel einige Minuten, bis sich der Rauch verzogen hatte, aber das war’s dann auch. Die zweite Hälfte verlief ähnlich wie die erste, nur Tore wollten trotz einiger sehr guter Chancen auf beiden Seiten nicht fallen. Nach 90 Minuten plus sechs Minuten Nachspielzeit war es geschafft, Djurgården gewann mit 1:0 und verließ damit zum ersten Mal in dieser Saison das Tabellenende.

Hier gibt es einige Fotos und ein paar Video-Schnipsel.

Wer nicht hüpft, der ist ein Piefke

Am Wochenende war es mal wieder so weit, ich weilte zu einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft (also der “Herren-A-Mannschaft”, keine U21, keine Frauen, sondern ganz klassisch) im Stadion. Kam bis jetzt noch nicht allzu oft vor und eigentlich habe ich auch gar keinen so großen Drang dazu, aber da sich meine österreichischen Freunde schon freundlicherweise um Karten bemüht hatten, war es eine gute Gelegenheit, ein langes Wochenende in Wien mit einem Besuch im Ernst-Happel-Stadion zu kombinieren.

Auf dem Hinflug am Donnerstag saß der frühere Nationalspieler Hans-Peter Briegel im selben Flugzeug wie ich und dieser Umstand erinnerte mich daran, dass während meiner Kindheit die deutsche Nationalmannschaft ihre Siege häufig ihrer kraftbetonten Spielweise und weniger einem technisch anspruchsvollen Stil verdankten.

Im Stadion kam mir dann auch wieder ins Bewusstsein, warum ich Länderspiele lieber im TV anschaue, denn trotz des ganzen Event-Gedöns kommt einfach keine richtige Stimmung auf, zumindest nicht so wie ich mir sie beim Fußball wünsche. Wahrscheinlich liegt es u. a. daran, dass keiner so recht weiß, was er singen soll, denn selbst die Lieder, die (zumindest in Deutschland) bei so ziemlich jedem Fanblock im Reportoire sind, passen nicht wirklich. So bleibt’s dann auf deutscher Seite beim überaus einfallsreichen “Deutschlaaand, Deutschlaaand…”-Gesang oder den unangenehme Assoziationen weckenden “Sieg”-Sprechchören. Seit ein paar Jahren (WM ’06?) wird vor lauter Langeweile auch mal die Nationalhymne gesungen. Auf österreichischer Seite gab’s dann so Kracher wie “Jetzt geht’s lohoos”, das ewige “Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich” (bzw. “… Rot-Weiß-Rot”) oder “Wer nicht hüpft, der ist ein Piefke”. Dazwischen, auf beiden Seiten, minutenlanges Schweigen. Ich bin ja auch kein großer Fan von spielunabhängiger Ultra-Dauerbeschallung, aber was den Support betrifft ist jeder Drittligakick besser als ein Länderspiel. Äußerungen wie diese von zeitonlinesport können wohl nur gemacht werden, wenn man das Spiel im Fernsehen anschaut.

Zum Spiel brauche ich hier wohl nicht viel zu schreiben, das haben alle anderen schon erledigt. Gegenüber meinen österreichischen Freunden hatte ich nach dem Spiel schon fast das Bedürfnis mich zu entschuldigen. Mein Geständnis, dass mir ein deutsches 4:0 zur Halbzeit auch lieber gewesen wäre, um den Gastgebern keine unnötigen Hoffnungen bis kurz vor Spielschluss zu machen, wurde aber nicht unbedingt als Rechtfertigung verstanden. Beim anschließenden Zwickel im Prater war die Stimmung aber wieder prächtig.

Auf dem Rückflug am Sonntag saß vor mir, natürlich, Hans-Peter Briegel.

Auswärtsspiel, aber anders (#2)

Am Wochenende begann die Drittligasaison 2010/11. Dem SV Wehen Wiesbaden gelang mit einem 1:0-Auswärtssieg bei der Spielvereinigung Unterhaching ein perfekter Start und eine kleine Revanche für die Niederlage an gleicher Stelle am letzten Spieltag der vergangenen Saison.
Am kommenden Samstag findet in Wiesbaden das erste Heimspiel gegen Aufsteiger SV Babelsberg 03 statt, die ebenfalls mit einem 1:0 (gegen FC Bayern II) gestartet sind.

Ich selbst befinde mich zur Zeit aber in 8.000 km Entfernung an der kanadischen Westküste, sodass mein Fußballhunger nicht in der Brita-Arena gestillt werden kann. Stattdessen besuchte ich letzte Woche ein Spiel des ortsansässigen Fußballclubs, den Vancouver Whitecaps. Diese spielen in der “USSF D2 Pro League”, was so eine Art zweite Liga unterhalb der Major League Soccer (MLS) ist. Gegner waren die Portland Timbers, die ebenso wie die Whitecaps in der nächsten Saison in der vergrößerten MLS starten werden und somit den fußballerischen Stellenwert des pazifischen Nordwesten vergrößern, der bisher nur vom Seattle Sounders FC vertreten wird. Gespielt wird momentan im etwa 5.500 Zuschauer fassende Swangard Stadium in Vancouvers Nachbarstadt Burnaby.
Als ich mich dem Stadion näherte, erwartete mich die erste Überraschung: die Parkplätze direkt am Stadion waren schon komplett voll – sollte es hier tatsächlich reges Fußballinteresse geben? Ich parke also etwas weiter entfernt und war nach 10 Minuten Fußmarsch am Stadion. Zweite Überraschung: schon von außen waren Gesänge zu hören  – echte Fußballstimmung? Am Kassenhäuschen die nächste Überraschung, aber keine schöne, nämlich gesalzene Preise. Die Sitzplatzkategorien Bronze, Silver, Gold und Platinum kosteten zwischen 22 und 42 Dollar, zudem hingen Zettel aus, dass “Bronze” nicht mehr verfügbar sei. OK, dann halt einmal “Silver” bitte – aber vonwegen, mittlerweile war nur noch “Platinum” vorhanden. Puh, über 40 Dollar für einen Kick zweifelhafter Klasse, da musste ich erst mal grübeln. Ich schaute mich um, ob vielleicht ein Besucher ein überzähliges Ticket loswerden wollte, aber es war niemand zu sehen, der verdächtig mit Karten wedelte. Ich versuchte mein Glück an einem anderen Kassenhäuschen, hatte mich aber schon mental darauf eingestellt, ein teures Ticket zu erwerben, denn wo ich schon mal da war, wollte ich dann nicht wieder gehen ohne das Spiel gesehen zu haben. Aber Überraschung, die nächste: mir wurde eher schamhaft noch der Stehplatzbereich angeboten, zum gleichen Preis wie die Bronze-Sitzplätze. Na super, ich hatte noch nicht mal auf einen Stehplatz zu hoffen gewagt, denn ich dachte, dass es in Nordamerika ausschließlich Sitzplätze gäbe.
So kam ich also in den kleinen Stehplatzbereich hinter dem Tor, wo sich die “Southsiders” versammeln, der Supportersclub der Whitecaps. Das war natürlich das beste, was mir passieren konnte, denn hier war ich mitten im Geschehen. Während vor der Haupttribüne ein Maskottchen herumhüpfte und mit Schildern die Zuschauer zum Klatschen und Anfeuern animierte, gab es hinter dem Tor 90 Minuten lang nonstop Gesang und Anfeuerung. Der Support und die Lieder hatten deutlich britische Prägung, auch was die teilweise sehr anzüglichen Texte zu bekannten Pop-Melodien betraf. Hierzulande ist es daher offensichtlich nötig, am Eingang darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei um eine “Adult Section” handelt. Portlands Torwart Cronin, der in der ersten Halbzeit direkt vor dem kleinen, aber gemeinen Mob spielen musste, bekam jedenfalls einiges zu hören.
Das Spiel war, nun ja, ganz nett. Vom Fußballerischen her ein perfekter Ersatz für deutschen Drittligafußball: ordentlich vorgetragene Spielzüge wechselten sich mit blind nach vorne geschlagenen Bällen ab. Die Whitecaps hatten in der ersten Halbzeit mehr vom Spiel, die etwas besseren Chancen gab es für die Timbers, mit 0:0 ging es in die Pause. Dort die nächste Kombination von positiver und negativer Überraschung: es gab zwar Bier, sogar mit Alkohol, aber es war tüchtig teuer. Fußballgucken scheint hier kein ganz billiges Vergnügen zu sein. Ich kam mit einigen der “Southsiders” ins Gespräch, die sich seit einiger Zeit etwas professioneller organisieren und sich somit auch schon auf die MLS im nächsten Jahr vorbereiten. Die “Fußballverrücktheit” einiger kann sich sehen lassen, Zach beispielsweise war während der gesamten WM 2006 in Deutschland, besuchte alle zwölf WM-Städte und neun Partien, Respekt.
In der zweiten Halbzeit ging Vancouver nach einem schönen Angriff über rechts in Führung, musste aber zehn Minuten später nach einer Notbremse im Strafraum den Ausgleich per Elfmeter hinnehmen und außerdem mit einem Mann weniger weiterspielen. Portland nutzte die personelle Überlegenheit aus, kam nach einem Patzer des Whitecaps-Torhüters Nolly zum 2:1 und ließ danach nichts mehr anbringen. Für Vancouver war es die erste Heimniederlage der Saison und zu allem Überfluss war nach zwei Niederlagen und einem Unentschieden gegen die Timbers auch der Supporter-Pokal “Cascadia Cup” verloren. Nächstes Jahr sieht man sich in der MLS wieder.

Auswärtsspiel, aber anders

Zur Abwechslung habe ich es mal geschafft, einen kleinen Urlaubstrip so zu legen, dass ich kein Heimspiel des SVWW verpasse. OK, hat sich eher so ergeben, aber meistens geht das ja genau umgekehrt aus. Besonders praktisch ist es natürlich, wenn in der Nähe des Urlaubsorts auch Profifußball gespielt wird, da kann man auch mal ganz entspannt andere Mannschaften und andere Stadien sehen. Ganz besonders vortrefflich ist es, wenn man auf diese Weise auch noch in den Genuss eines Champions-League-Spiels kommt.

In meinem Fall handelte es sich um die Partie AZ Alkmaar gegen Arsenal London und ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, noch eine Karte für dieses Spiel zu bekommen. AZ – in der letzten Saison unter Trainer Louis van Gaal niederländischer Meister – hat selten genug die Gelegenheit, gegen einen solchen Gegner zu spielen, für die üblicherweise sehr reisefreudigen englischen Fans ist Holland verhältnismäßig nah gelegen und letztlich ist das DSB-Stadion mit 17.000 Plätzen nicht gerade riesig. Aber man kann’s ja mal versuchen, außer 15 Minuten Anfahrt und 5 Euro für einen Parkplatz hatte ich ja nichts zu verlieren.

So stand ich dann also vor dem Stadion, sah immer mehr Zuschauer herbeiströmen (einige Tausend davon ganz landestypisch auf dem Fahrrad), aber der Ticketmarkt war quasi nicht präsent. Einzig eine kasachische Familie schien ein Ticket übrig zu haben, verlangte dafür aber einen wahnwitzigen Preis. Die Kommunikation war nicht ganz so einfach, da weder Deutsch, Englisch noch meine überschaubaren Niederländisch-Kenntnisse irgendeine verständliche Antwort hervorriefen. Mittels Hand und Fuß und Kauderwelsch wurden mir dann erst 300, kurz danach 200 Euro als Preis genannt. So dringend musste ich das Spiel dann doch nicht sehen und ließ die Kasachen stehen (zumindest nehme ich an, dass es Kasachen waren, denn auf der Trainingshose des einen stand “Kazakhstan”). Ansonsten gab es nur ein paar andere Kartensuchende, allesamt Arsenal-Fans, keine Engländer und eher zufällig in der Gegend, z. B. einen Slowaken mit schmalem Budget, der in Haarlem arbeitete, und zwei Australier, die in Amsterdam auf einer Konferenz waren. Einer der Australier erstand schließlich eine überteuerte Karte eines englischen Fans, der andere verschwand daraufhin Richtung Innenstadt und als ich auch schon zurück zum Parkplatz gehen wollte, winkte plötzlich doch noch ein Typ mit einem Ticket. Angesichts des nahenden Anpfiffs ging die Preisverhandlung leichter als mit den Kasachen und so konnte ich schließlich doch noch ins Stadion. Natürlich lief ich erstmal prompt falsch herum, was mir nicht nur einen längeren Weg, sondern auch zwei Zäune, die den Gästeblock vom Rest der Welt trennen, als Hindernis bescherte. Freundlicherweise ließ mich eine Ordnerin durch und so saß ich kurz nach Anpfiff auf meinem Platz. Neben mir: die drei Kasachen! Wahrscheinlich hatte der Typ, der mir die Karte verkauft hatte, diese vorher den Kasachen in der Hoffnung auf einen leichten Gewinn abgekauft, aber am Ende wohl draufgelegt.

Von innen wirkte das DSB-Stadion deutlich größer als ob es gerade mal 17.000 Leute fasst, aber das muss wohl daran liegen, dass es ausschließlich Sitzplätze sind. Außerdem soll es auf 30.000 Plätze erweiterbar sein. Keine Ahnung wie, vielleicht durch Umwandlung von Sitz- in Stehplätze. Jedenfalls ist das Stadion recht hübsch anzusehen, innen wie außen.

Das Spiel war dann auch ganz nett. Nicht gerade endspielwürdig, aber doch sehr ordentlicher Fußball, zumindest bis zum Strafraum. Torchancen gab es für Alkmaar fast überhaupt keine und für Arsenal auch nicht viele. AZ war die van Gaalsche Spielweise noch deutlich anzusehen: extrem viel Ballbesitz, viele Ballstaffetten, aber auch viel hintenrum und wenig Mut zum riskanten Pass in die Spitze. Sah ein bisschen aus wie der FC Bayern in manchen Spielen in dieser Saison. Dass nach vorne nicht viel ging, lag allerdings auch an einer sicheren Arsenal-Defensive. Und wenn die Engländer (bzw. die elf Nicht-Engländer, die für Arsenal auf dem Platz standen) den Ball hatten, ging es recht zügig nach vorne. Nach einem Ballverlust eines holländischen Verteidigers in der eigenen Hälfte fiel dann auch das 1:0 für die Gäste, das die drei Superstars der Londoner locker herausspielten: Arshavin eroberte den Ball, passte auf van Persie, der legte quer auf Fabregas, welcher problemlos einschob. Die restlichen zehn Minuten der ersten Halbzeit hatte Alkmaar sichtlich an diesem Rückstand zu knabbern und leistete sich zahlreiche Abspielfehler.

In der zweiten Halbzeit ging’s dann ziemlich genauso weiter wie in der ersten. AZ bemühte sich, ließ den Ball laufen, kam aber nicht zum Abschluss, während Arsenal stets gefährlich blieb und dem 2:0 näher war als die Gastgeber dem Ausgleich. So lief das Spiel dann dahin, alles deutete auf einen Sieg des Favoriten hin und wie auch in anderen Stadion verließen schon lange vor Abpfiff immer mehr Zuschauer ihre Plätze. Die werden sich schön geärgert haben, denn in der Nachspielzeit gelang Alkmaar doch noch der Treffer zum 1:1. Und zwar völlig untypisch für die ansonsten sehr kontrollierte Spielweise, denn der weit hereingeschlagene Freistoß auf den hochgewachsenen Stürmer Pelle, der eine Viertelstunde vorher als “Brechstange” eingewechselt worden war, sah mehr nach klassischer Verzweiflungsaktion aus. Jedenfalls kam Pelle tatsächlich per Kopf dran und legte Mendes da Silva auf, der mit einer schönen Direktabnahme den umjubelten Ausgleich erzielte. Das war’s dann auch, Schlusspfiff, das Alkmaarer Publikum (sofern noch anwesend) feierte, die Gästefans waren frustriert.

Ingesamt ein schöner Abend, mit der Erkenntnis, dass die englischen Fans zwar laut singen, aber anscheinend nur ein sehr überschaubares Repertoire haben. Ach ja, und ein Spiel dauert natürlich 90 Minuten. Plus Nachspielzeit.