Interview mit Heinz Kamke: “Mit dem Klassenerhalt ist es nicht getan”

Am kommenden Samstag gastiert der VfB Stuttgart II in der Brita-Arena und ich freue mich außerordentlich, dass sich zu dieser Gelegenheit der bekannte Stuttgarter Blogger Heinz Kamke Zeit für ein Gespräch über die Stuttgarter Nachwuchsarbeit, den Zuschauerzuspruch und die Rivalität zum kleineren Nachbarn Kickers genommen hat.

Heinz*, Dein Blog angedacht beschäftigt sich überwiegend mit der ersten Mannschaft des VfB Stuttgart. Hast Du auch die Zweite im Blick?

VfB Stuttgart? Gunnar, ich bitte Dich! Mein Blog befasst sich mit Gott und der Welt, mit Politik, Kindererziehung, allem, was mir so in den Sinn kommt. Zumindest tat es das mal, sporadisch.

Mittlerweile, nun ja, zugegeben, ist der Fußballfokus indes ein nahezu absoluter geworden, und ja, der VfB steht im Mittelpunkt. Die Profis, in aller Regel, gelegentlich die U19 oder die U17, und leider viel zu selten: die Amas.

Es wäre familienintern schlichtweg nicht vermittelbar, auch noch deren Spiele regelmäßig und intensiv verfolgen zu wollen – umso schöner, wenn, wie am vergangenen Wochenende, der MDR einen Livestream vom Spiel in Erfurt anbietet. Aber natürlich informiere ich mich, auch wegen der personellen Überschneidungen mit den Profis und ein bisschen auch der U19, möglichst umfassend mit Hilfe der regionalen Medien.

Der VfB ist bekannt für sein hervorragende Arbeit im Nachwuchsbereich, zahlreiche spätere Bundesliga- und sogar Nationalspieler wurden hier zum Profi ausgebildet. Auf wen sollte man im aktuellen Kader besonders achten?

Oh, da gibt es einige. Und dann auch wieder nicht, in der Hinsicht, dass es – so zumindest meine Wahrnehmung – nicht den einen herausragenden Spieler gibt, der in der dritten Liga einfach fehl am Platze ist. Natürlich wird man auf Rani Khedira achten, des Namens und der Kaderzugehörigkeit wegen, auf Torhüter Vlachodimos, von dem ich hoffe, dass er sein Können nicht unter Beweis zu stellen braucht. Man könnte eine Reihe von Namen nennen, ich möchte mich auf zwei weitere beschränken: Marvin Wanitzek kam aus der Oberliga und etablierte sich erstaunlich schnell, durfte auch schon ins Profitraining schnuppern, schöne Geschichte, irgendwie. Und Felix Lohkemper, von dem ich nicht weiß, ob er im Kader sein wird, da er auch noch für die U19 spielberechtigt ist und im Grunde auch primär dort spielt. Und trifft. Zuletzt gleich viermal in Burghausen. Ein sehr talentierter Stürmer also, der in der öffentlichen Wahrnehmung, oder zumindest der meinigen, stets ein wenig im Schatten von Ausnahmetalent Timo Werner steht.

Bruno Labbadia wurde mitunter vorgeworfen, zu wenig Nachwuchsleute in die erste Mannschaft zu integrieren. Seit kurzem ist mit Thomas Schneider ein vorheriger Jugendtrainer der neue Chefcoach. Verbindet man in Stuttgart damit auch die Hoffnung, die Durchlässigkeit von der Reserve zum Bundesliga-Team zu verbessern?

Ja, absolut. Zumal Schneider nicht nur zuvor Jugendtrainer war (ein erfolgreicher noch dazu), sondern auch von Anfang betont hat, dass er den Trumpf der guten Stuttgarter Jugendarbeit auszuspielen gedenkt. Und vor allem: er beließ es nicht bei den Ankündigungen, sondern zog – die Länderspielpause mag ihm diesbezüglich in die Karten gespielt haben – von Beginn an verschiedentlich Nachwuchsspieler in den Trainingsbetrieb nach oben, von Timo Werner und dessen bemerkenswerten Duftmarken in der Bundesliga gar nicht zu reden.

Wobei Werner, um zu Deiner Frage zurückzukehren, nach aktuellem Stand die Etappe “Reserve” schlichtweg übersprungen zu haben scheint. Bei anderen stellt sich das anders dar, und sicherlich ist es ein schöner Fingerzeig, dass zum Beispiel Rani Khedira, der im Vorjahr zumeist in der Reserve zum Einsatz kam, kürzlich seine ersten Minuten Bundesligaluft schnuppern konnte. Weitere werden folgen, sowohl weitere Spieler als auch weitere Minuten von Khedira, da sind sich die meisten hiesigen Zuschauer wohl einig.

Der VfB ist die einzige Zweitvertretung eines Bundesliga-Vereins, die ununterbrochen in der Dritten Liga dabei ist und landete in der Abschlusstabelle meist irgendwo im Mittelfeld. Da weder Aufstieg noch Teilnahme am DFB-Pokal möglich sind, dürfte die Maxime – abgesehen natürlich vom Ausbildungsauftrag – “Hauptsache nicht absteigen” lauten, oder?

Ich denke schon, dass das oberste Ziel genau darin besteht: den Nachwuchsspielern die Möglichkeit zu geben, auf Drittliga-, also Profiniveau zu reifen. Was nicht heißt, dass man nicht lieber Vierter als Dreizehnter wird, und nicht auch gerne das eine oder andere Spiel gewinnen würde, am liebsten mit schönem, modernem Fußball. Was dann ja auch wieder als Teil des Ausbildungsauftrags durchgeht: eine Spielidee umzusetzen.

Nehmen wir beispielhaft Kevin Stöger, von dem sein Trainer im Vorjahr sagte, er sei schlichtweg zu gut für die Dritte Liga und brauche höherklassige Spielpraxis. Weshalb er eben diese aktuell in Kaiserslautern, wo er leihweise spielt, nicht bekommt, kann ich nicht beurteilen, und wieso er sie in Stuttgart nicht bekam und unter Bruno Labbadia vermutlich auch nicht bekommen hätte, mag ich nicht mehr beurteilen.

Stöger ist ein Sonderfall, “zu gut für die Liga” habe ich von Stuttgarter Ama-Trainern in den letzten Jahren eher selten gehört. Um nicht zu sagen: nie. Spielte man aber nur noch in der Regionalliga, träte dieser Fall vermutlich öfter ein, und man wäre gezwungen, in noch stärkerem Maße Spieler zu verleihen, um ihnen zu helfen, die zu große Kluft zur Bundesliga zu überwinden – mit allen Risiken, die so ein Leihgeschäft birgt.

Quintessenz: ja, der Klassenerhalt ist ein ganz zentrales Ziel. Mit dem es in aller Regel nicht getan sein sollte.

Die Zuschauerzahlen der Heimspiele liegen üblicherweise im dreistelligen Bereich. Interessanterweise punktet die Mannschaft in den letzten Jahren auswärts mindestens genauso gut wie zuhause. Wird Zuschauerunterstützung möglicherweise völlig überbewertet?

Wenn ich ehrlich bin, hege ich gewisse Zweifel hinsichtlich der Logik Deiner Frage. Darf man das, den Fragesteller so hinterfragen?

Im Ernst: stützt nicht die Kombination aus einem unterdurchschnittlichem Verhältnis von Heim- zu Auswärtspunkten und dem geringen Zuschauerzuspruch eher die These, dass Zuschauerunterstützung wichtig ist und vielleicht den einen oder anderen Punkt bringt? Der den Stuttgarter Nachwuchsspielern in den vergangenen Jahren zum Glück nicht gefehlt hat, den sie aber sicherlich mindestens genauso gerne mitnähmen wie eine etwas frenetischere Heimspielatmosphäre.

Der Gedankengang bei der Frage war, dass ich es erstaunlich finde, wie gut sich die jungen Spieler auswärts vor größerer, “feindlicher” Kulisse behaupten, gerade wenn sie es von zuhause eher ruhiger gewohnt sind – Verzeihung, die Frage war wohl ungeschickt verkürzt.

Bei einigen Vereinen erfahren auch die “Amateure” (die natürlich keine sind) großen Support, vor allem natürlich dann, wenn der Spielplan nicht mit dem der ersten Mannschaft kollidiert. Zum Spiel MSV Duisburg gegen Borussia Dortmund II kamen kürzlich über 21.000 Zuschauer, in der Regionalliga Bayern sahen mehr als 10.000 Fans im ausverkauften Grünwalder Stadion das Amateure-Derby zwischen dem FC Bayern und TSV 1860. Aber auch von diesen Extremen abgesehen scheint das Interesse an den U23-Teams andernorts größer zu sein als in Stuttgart. Ist das mangelnde Zuschauerinteresse ein generelles Problem beim VfB? Letzte Saison waren ja auch z. B. die Europa-League-Spiele nur spärlich besucht. Oder sind das völlig unterschiedliche Phänomene?

Puh. Da machst Du ein Fass auf, von dem ich nicht einmal weiß, ob es einen Boden hat. Um mit Deiner letzten Frage anzufangen: ja, ich würde das voneinander trennen. Der Zuschauerzuspruch im Europapokal liegt meines Erachtens irgendwo zwischen beschämend und erbärmlich. Etwas abmildernd sei darauf hingewiesen, dass der VfB im Vorjahr bis auf das Achtelfinale gegen Lazio keine “Kracher” vom Kaliber beispielsweise der Gladbacher Gegner Marseille oder Fenerbahce (und ebenfalls Lazio) empfangen durfte. Etwas verschärfend sei indes darauf hingewiesen, dass auch die Leistungen auf dem Platz irgendwo zwischen beschämend und erbärmlich lagen … so greift also, zumindest zum Teil, auch in der Bundesliga, die gern genommene Erklärung, der VfB habe unter Labbadia das Stadion leergespielt.

Was man von den Amateuren (ist halt so drin, der Begriff) so nicht sagen kann. Bei denen war es von Beginn an nicht sonderlich gut gefüllt, was zum Teil daran liegen mag, dass man zu Gast bei den Kickers auf Degerlochs Höhen ist, aber nicht nur. Andernorts scheint sich eine eigenständige Ama-Fankultur entwickelt zu haben, so zum Beispiel in München, wenn ich nicht irre; in Stuttgart ist das nach meiner Wahrnehmung nur sehr bedingt der Fall. Wobei ich auch nicht unerwähnt lassen möchte, dass Deine beiden Beispiele eher zu den extremen zählen: das Münchner Stadtderby im einen Fall, ein S-Bahn-Duell im anderen, noch dazu mit dem MSV Duisburg, dessen jüngere Geschichte die Stadt ein wenig in Aufruhr versetzt und mobilisiert hat.

Die VfB-Reserve nutzt das Waldau-Stadion in Degerloch, was seit über 100 Jahren die Heimstätte der Stuttgarter Kickers ist und früher auch Kickers-Platz hieß. Gibt es eigentlich eine ausgeprägte Rivalität zwischen VfB und Kickers oder kommt man gut miteinander aus?

Im Grunde bin ich erst zu kurz in Stuttgart (seit der Jahrtausendwende, etwa), um diese Rivalität zu bewerten, oder anders gesagt: ich kenne den Wettbewerb auf Augenhöhe, den es ja immer wieder gab, nicht aus eigener Anschauung. Vielmehr spielten die Kickers jahrelang gar tieferklassig als die Reserve des VfB, da lässt sich so ein Konkurrenzgefühl nur sehr bedingt (um nicht zu sagen: gezwungen) pflegen – mein Empfinden (eingefleischte Althauer mögen widersprechen) war häufig näher an Mitgefühl als an Rivalität.

Dennoch wird sie kultiviert, man besingt sich nicht sonderlich schmeichelhaft, die Farben blau und rot sind nach wie vor ein Thema, in der Fanszene mag’s auch hin und wieder mal ein bisschen krachen, aber letztlich ist meine Wahrnehmung irgendwo zwischen Nostalgie und Folklore. Das mag sich ändern, falls die Kickers irgendwann wieder ein Pflichtspiel gegen die Profimannschaft des VfB austragen dürfen (zugegeben: auch wenn sie gegen die Amas spielen, ist das Interesse vergleichsweise groß), aber außer im DFB-Pokal kann ich mir ein solches Aufeinandertreffen in halbwegs absehbarer Zeit nur schwer vorstellen.

Wie üblich zum Abschluss: Dein Tipp für Samstag?

Oh je, tippen. Ich sag mal 1:3.

Vielen Dank für das Gespräch und Gruß nach Stuttgart!

Nein, nein, ich danke. Für den Platz, den Du mir eingeräumt hast, für die schönen Fragen und dafür, dass Du mich dazu gebracht hast, mir etwas mehr Gedanken über unsere Amateure zu machen, als ich das sonst vor einem normalen Spieltag so tue.

 

* Echter Name der Redaktion bekannt

Heinz Kamkes Blog ist unter angedacht.wordpress.com zu finden und nicht nur für VfB-Interessierte eine vorzügliche Lektüre (die wöchentlichen Limericks sind jedesmal aufs Neue kleine Meisterwerke!). Auf Twitter ist er unter @heinzkamke zu finden.

westernworld

die gelebte rivalität zwischen vfb und kickers ist eigentlich spätestens seit gründung der bundesliga geschichte.

ab da war der vfb stuttgarter platzhirsch,. vor dem krieg war das eine ganz andere geschichte und die kickers waren als dominierender klub im stuttgarter raum das thema schlechthin für vfb fans.
so lassen sich die erzählungen meines vaters und großvaters die diese zeiten selbst erlebt haben jedenfalls zusammenfassen.

für mich waren die kickers seit ich mich für vereinsfußball zu interessieren begann in den späten siebzigern nie wirklich mehr als eine nette nostaligsche randerscheinung. der ksc war das was einem lokalrivalen noch am nächsten kam.

Kommentar verfassen