Una notte magica

Aufmerksame Blogleser werden schon bemerkt haben, dass ich zuweilen den FC Bayern München zu Europapokalauswärtsspielen begleite. Am liebsten würde ich das natürlich ständig tun, aber es gibt nun mal gewisse Randbedingungen hinsichtlich Familie, Berufstätigkeit, Verfügbarkeit von Eintrittskarten und Reisemöglichkeiten usw., Sie wissen schon. Immerhin komme ich im Schnitt auf etwa eine derartige Reise pro Saison und heuer ging es nach Rom zum Champions-League-Vorrundenspiel bei der ortsansässigen Sportvereinigung, bekannt als AS Roma.

Da auch gerade Herbstferien waren, bot es sich an, die Familie mitzunehmen und gemeinsam ein paar Tage im schönen Italien zu verbringen. Wir reisten schon samstags an und ich verzichtete dafür sogar darauf, die Heimniederlage des SV Wehen Wiesbaden gegen die Mainzer U23 anzuschauen. Der Plan, den Kurzurlaub vor das Spiel in Rom zu legen, stellte sich als weise heraus, denn ansonsten hätte uns der Pilotenstreik die Anreise gehörig vermasselt.

Nach ein paar wunderbaren Tagen weiter im Süden machte ich mich also auf dem Weg zum Olimpico, das rote Trikot noch etwas verschämt ins Jäckchen eingewickelt (ich gebe zu, ich traute mich nicht es offen zu tragen, solange ich noch alleine unterwegs war, man hört ja so einiges) und zwei Tickets in der Tasche, wobei mir klar war, dass ich auf dem zweiten wohl sitzen bleiben würde. Zum Zeitpunkt der Kartenbestellung war ein Kollege noch interessiert, aber bis er schließlich absagte, war die Bekannte, die noch dringend auf der Suche war, schon versorgt und es gab im Gegenteil sogar zahlreiche Angebote. Die zwischenzeitliche Überlegung mit Frau und Kind zum Spiel zu gehen, verwarfen wir wieder, schließlich ist eine Vierjährige eher noch nicht Fanblock-kompatibel, zumal es auch absehbar spät werden würde, was dann weder für Kind noch Eltern ein Vergnügen wäre.

Am Stadion angekommen war man, sofern man sich als Bayern-Anhänger zu erkennen gab, noch lange nicht am Stadion angekommen. Die freundlichen Sicherheitskräfte leiteten die Rotgekleideten in einem enormen Bogen ums Stadion herum, wobei die Ansage „next bridge“ nicht, wie zunächst vermutet, eine komische Bezeichnung für die nächstgelegene Fußgängerampel war, sondern tatsächlich die nächste Brücke, nämlich über den Tiber, meinte. Dort wurden wir erst mal gesammelt und dann von Polizei und italienischen Fanbetreuern in einem tüchtigen Fußmarsch vorbei am Außenministerium schließlich zum Gästeeingang des Stadions geführt. Wie erwartet ergab sich keine Gelegenheit mehr, das übrige Ticket zum Verkauf anzubieten, und ebenfalls wie erwartet war die obligatorische „Personalisierung“ der Karten, die sich in mit Kugelschreiber auf die Rückseite geschriebenen Namen manifestierte, ziemlich witzlos, zumindest sah ich keine einzige Kontrolle, wo der Name mit einem Ausweis abgeglichen wurde. Naja, kennt man ja schon von anderen Gelegenheiten.

Durch die relativ späte Ankunft im Stadion und des entsprechend schon reichlich gefüllten Gästeblocks war es dann relativ zwecklos, die ebenfalls anwesenden Bekannten zu suchen, sodass ich mit dem kleinen Grüppchen, das ich auf dem Marsch durchs abendliche Rom kennengelernt hatte, zusammenblieb. Es stellte sich übrigens heraus, dass es sich dabei um die Besatzung des Sonderflugs von FC Bayern Tours handelte. Darüber, dass ein Teil der Kabinencrew sich aufs Fotografieren per iPad statt aufs Spiel konzentrierte, sah ich großzügig hinweg.

Vor dem Spiel wurde noch das eine oder andere Erzeugnis der pyrotechnischen Industrie präsentiert, wobei sich das Rauchaufkommen erfreulicherweise in Grenzen hielt, aber dafür einige Kanonenschläge (oder wie auch immer die in Ultra-Kreisen heißen) um ungeteilte Aufmerksamkeit baten. Auf römischer Seite wurde die Fankurve mittels Papptafelchoreografie in die Vereinsfarben rot und gelb getaucht, während der Gästeblock einfach rotweißes Absperrband präsentierte. Die Gesänge der Tifosi waren toll und sehr, sehr laut, was umso erstaunlicher ist, da das Olympiastadion dank Laufbahn doch sehr weitläufig ist.

Der Spielverlauf, der geneigte Leser hat es vermutlich der Tagespresse entnommen, sorgte dann für zwischenzeitliches Verstummen der Heimfans, aber, und das fand ich doch bemerkenswert, nicht sehr lange. Als die Mannschaften zur zweiten Halbzeit aufs Feld zurückkehrten – und da führten die Gäste aus Monaco di Baviera ja bereits mit 5:0 – gab es tosenden Applaus, der sicher nicht ironisch gemeint war. Andernorts wäre man schon froh gewesen, wenn es nur Pfiffe und keine Wurfgeschosse gegeben hätte, aber hier bejubelte das Publikum seine deutlich unterlegene Mannschaft. Sehr beeindruckend.

Der ansonsten hervorragend aufgelegte Gästeblock dankte nach einem etwas heftigeren Einsteigen eines römischen gegen einen Münchner Spieler mit „Sch… Italiener“-Rufen – da war mal wieder so ein Fremdschämmoment. Dass einige Halbstarke und im Geiste Junggebliebene sich, getrennt durch eine sichere Plexiglasscheibe, mit Ihresgleichen aus dem gelbroten Nachbarblock kleinere Wort- und Gestenscharmützel lieferten, nahm ich noch mehr oder weniger schulterzuckend hin, ein paar Idioten gibt es schließlich immer, aber dass dann mehrere hundert, vielleicht tausend Fans in diese latent rassistischen Rufe einstimmten, war doch eher unschön. „Ist ja schließlich Fußball, da geht’s halt nun mal etwas derber zu“ mag nun der eine oder andere denken, und welchen Unterschied macht es schon, ob man nun beispielsweise „Sch… Kaiserslautern“ oder eben „Sch… Italiener“ ruft? Ja, mag sein, vielleicht bin ich zu empfindlich, aber in meinen Ohren klang das halt eher danach, als hätten da einige ihrem inneren Rassisten ein wenig Auslauf gewährt. Sehr schade, insbesondere für eine Kurve, die noch in der Woche zuvor u. a. für ihr antirassistisches Engagement ausgezeichnet wurde.

Nach dem Spiel tat sich abermals Erstaunliches, denn einige römische Fans aus dem Nachbarblock warfen ihre Schals über die Abtrennung, woraufhin ihrerseits Münchner Fans ihre eigenen Schals zurückwarfen. Aus einigen wurden viele und so wurde nach und nach sicherlich eine dreistellige Zahl an Schals getauscht. Das hatte ich in dieser Form auch noch nicht erlebt und ich interpretiere das mal als Respektbekundung für das grandiose Spiel der Bayern und/oder den insgesamt tollen Support des Gästeblocks. Das behagte zwar nicht jedem („Boah, auch noch Sch… Fair Play“), setzte aber für mein Empfinden einem außergewöhnlichen Abend das i-Tüpfelchen auf.

Nach einer mehr als einstündigen Blocksperre durften auch die Gästefans endlich das Stadion verlassen und wurden mit Sonderbussen zum Hauptbahnhof befördert. Der Taxifahrer, der mich von dort in meine Unterkunft brachte, sah mein Trikot, deutete auf sich und sagte nur: „Roma“. Ich antwortete „scusi“ und wir lachten beide kopfschüttelnd.

Am nächsten Tag hätte ich ja gerne ein Foto der Titelseiten der italienischen Tageszeitungen gemacht, aber entweder werden die am Kiosk generell nicht ausgehängt und man hielt sie an diesem Tag aus Scham zurück. Den Glückscent, den ich tags zuvor vor einer Gelateria gefunden und der offensichtlich gute Dienste geleistet hatte, beförderte ich ordnungsgemäß in den Trevi-Brunnen. Einem Besuch in Berlin am 6. Juni sollte jetzt nichts mehr im Wege stehen.

Hier ein paar Fotos.