Die Wehenschau (KW 36/2026)

Im Schlussspurt der Sommer-Transferperiode war auch beim SV Wehen Wiesbaden nochmal einiges los. Uwe Stöver hatte am Rande des Heimspiels gegen Essen bei Magenta schon angekündigt, dass sowohl auf Abgangs- wie auch auf Zugangsseite noch etwas passieren werde. Ein Innenverteidiger als Ersatz für den nach Offenbach abgewanderten Jakob Lewald war ohnehin zu erwarten, aber nachdem sich Nikolas Agrafiotis am Sonntag zum schottischen Erstligisten FC St. Mirren verabschiedete, war auch wieder eine Stelle in der Offensivabteilung vakant. Am Montag wurden dann Raul Paula und Michael Schultz vorgestellt und eine lange Zeit träge, zum Schluss dann wilde Transferphase fand ihr Ende.

Aber der Reihe nach. Agrafiotis ist sicherlich kein großer Verlust. Er hat zwar immer mal wieder angedeutet, dass er wahrscheinlich ein guter Fußballer ist, und ab und zu auch mal ein Tor geschossen, aber sich nie durch konstante Leistungen aufgedrängt, sodass er in seinen zweieinhalb Jahren beim SVWW fast nie über den Status eines Ergänzungsspielers hinauskam. Auch wenn unser Stadionsprecher Agrafiotis gerne mal als „Tormaschine“ titulierte (und das vermutlich nicht mal ironisch meinte), musste der Verein in der Mitteilung zum Wechsel dann schon auf Agrafiotis‘ Tore im Hessenpokal verweisen, um zum Abschied noch etwas Positives mitzugeben. Interessant ist, dass auf das Stillschweigen hinsichtlich der Modalitäten hingewiesen wird – sollte etwa tatsächlich eine Ablöse geflossen sein? Das wäre eine (zumindest für mich) schon sehr erstaunliche Pointe.

Dass man für Raul Paula hingegen eine Ablöse an den niederländischen Erstligaabsteiger NAC Breda bezahlt hat, dürfte als sicher gelten (wovon höchstwahrscheinlich ein Teil an seinen vorherigen Verein VfB Stuttgart geht). Der 22-jährige Paula – mit vollem Namen Raul Carlos Vasko Caldaroska Paula – verfügt gleich über drei Nationalitäten (deutsch, portugiesisch und nordmazedonisch) und, noch wichtiger, neben einer hervorragenden Ausbildung im Nachwuchsleistungszentrum des VfB auch schon über Erfahrung in der ersten Liga. Zwar „nur“ in der niederländischen, aber immerhin. Das erinnert etwas an Nick Bätzner, der ebenfalls als eines der vielen Stuttgarter Talente einst nicht den Sprung in den Bundesliga-Kader schaffte und dann in Belgien zum Profi wurde. Auch Position und Spielweise sind ähnlich, ist Paula doch ebenfalls offensiver Mittelfeldspieler, der sowohl seine Mitspieler einzusetzen weiß als auch selbst torgefährlich ist.

Ablösefrei wurde hingegen Michael Schultz verpflichtet. Der 33-jährige Innenverteidiger war zuletzt bei Rot-Weiss Essen und dort sogar Kapitän, hatte aber im Sommer keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Neben beeindruckenden 1,96 Meter Körpergröße bringt er reichlich Erfahrung aus 2. und 3. Liga mit, dürfte aber dennoch vor allem als Backup eingeplant sein – ansonsten hätte man ja nicht solange warten müssen. Wahrscheinlich war bis vor kurzem noch nicht abzusehen, dass Lewald weggehen würde und hat nun reagieren müssen. Und zwangsläufig fragt man sich: Verteidiger, Ü30, ehemals Kapitän und nun aussortiert – hätte man da nicht einfach Sascha Mockenhaupt behalten können? Schultz sieht sich übrigens als Führungsspieler, doch selbst formulierte Führungsansprüche aufgrund des eigenen Alters hat man erst kürzlich auch von Philipp Hercher vernommen – ob das auf dem Platz sichtbar wird, muss sich noch herausstellen.

Wie dem auch sei, der Kader steht nun mindestens bis zur Winterpause fest und Daniel Scherning muss im laufenden Betrieb seine ideale Konstellation finden. Das gilt sowohl fürs Personal als auch für die taktische Grundordnung, hatte er doch zuletzt ein 4-4-2 statt des lange Zeit üblichen 3-4-2-1 gewählt. Angesichts von fünf Zugängen und drei Abgängen seit dem Saisonstart wirkt das Trainingslager im Nachhinein fast etwas sinnlos. Kann man aber nicht ändern, stattdessen muss man zusehen, aus den kommenden vier Spielen innerhalb von gut zwei Wochen möglichst viele Punkte mitzunehmen, bevor man dann in der langen Länderspielpause nochmal ganz neue Sachen einstudieren kann. Unter anderem wird es spannend sein zu beobachten, welche Position Scherning für Paula findet – eine richtige Zehn, die es bisher so nicht gab, oder eher als hängender Stürmer hinter bzw. neben Flotho oder Müller, oder irgendwo im Halbraum oder gar auf dem Flügel?

Apropos Abgänge. Ole Wohlers hat sich dem Nord-Regionalligisten SV Drochtersen/Assel angeschlossen und Nassim El Ouarti wurde von den Würzburger Kickers verpflichtet, aber umgehend an den 1. FC Kaiserslautern für dessen zweite Mannschaft weiterverliehen. Somit ist als einziger der Sommerabgänge Orestis Kiomourtzoglou noch ohne neuen Verein. Wer sich gerne über den Verbleib von ehemaligen SVWW-Spielern informieren möchte, dem sei dieser Forums-Thread empfohlen (Nilsson zur Hertha, Bätzner zu RWE, Malone in die MLS etc. pp.).


Was, wann, wo: 3. Liga, 4. Spieltag, Samstag, 5. September, 14:00 Uhr, auswärts bei Hansa Rostock

Der Gegner: Die letzte Saison hat Hansa Rostock als 5. abgeschlossen, nachdem man dauerhaft knapp an den Aufstiegsplätzen dran war, aber nie ganz vorne reinstoßen konnte. Logischerweise ist auch dieses Jahr der Aufstieg wieder das Saisonziel und der Start ist der Mannschaft von Trainer Daniel Brinkmann mit sieben Punkten aus drei Spielen schon mal gelungen. Den sieben Gegentoren (wie der SVWW) stehen schon zehn eigene Treffer gegenüber (SVWW: 1), was Hansa zur insgesamt „torreichsten Mannschaft“ der noch jungen Drittligasaison macht. Zwei Tore hat Florian Carstens erzielt, der nur von Stürmer Andreas Voglsammer (3) übertroffen wird. Ahmet Gürleyen, der zweite Ex-SVWWler im Rostocker Abwehrzentrum, fand sich in den ersten Partien auf der Ersatzbank wieder.

Die letzte Begegnung fand im März in Wiesbaden statt und endete mit einer 0:1-Heimniederlage, die die Wehener Aufholjagd Richtung Aufstiegsplätze jäh beendete.

Der Direktvergleich spricht nach mittlerweile 26 Aufeinandertreffen mit 8S/6U/12N für Hansa.

Personelles: Kapitän Hübner dürfte nach seiner Einwechslung gegen Essen wohl wieder in die Startelf zurückkehren. Möglicherweise bleibt Scherning beim 4-4-2, nachdem man gegen Essen erstmals seit Langem zu null gespielt hat, vielleicht geht’s aber auch mit Hübner zurück zur Dreierkette. Ob und welche der jüngsten Neuverpflichtungen direkt zum Einsatz kommen, kann man nur raten. Fehlen wird im Personal-Puzzle Sinan Karweina, der aufgrund einer Muskelverletzung im Oberschenkel mehrere Monate ausfallen wird – das erinnert an Stritzel in der letzten Saison.

Aufstellungstipp: Stritzel – Nink, Gillekens, Hübner, Janitzek – Massimo, Gözüsirin, Fechner, Greilinger – Müller, Flotho

Nach dem Spiel wird der SVWW auf Platz 14 bis 20 stehen.

Ansonsten: Die Partie wird außer bei Magenta Sport auch vom NDR übertragen.

Foto: Thomas Kohler


Entdecke mehr von Stehblog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.