Auf Einkaufstour

Kaum hatte ich vor ein paar Tagen geschrieben, dass der diesjährige Personalaustausch beim SV Wehen Wiesbaden in halbwegs moderaten Dimensionen abläuft, trudelten kurz darauf die Meldungen zu den nächsten Neuverpflichtungen ein. Am gleichen Tag wurden gleich zwei Spieler von Zweitligist Alemannia Aachen verpflichtet, nämlich Verteidiger Nico Herzig und Mittelfeldspieler Thorsten Burkhardt. Beide sind überaus erfahren in der zweiten (und im Falle von Herzig sogar in der ersten) Liga und beide haben die letzte Saison wegen Verletzungen ziemlich komplett verpasst. Es ist also ein gewissen Risiko dabei, aber seitens des SVWW ist man offensichtlich bereit, dieses einzugehen. Wenn’s gut läuft, hat man zwei für Drittliga-Verhältnisse absolute Spitzenleute verpflichtet.

Desweiteren wurde Nachwuchsspieler Daniel Döringer mit einem Profivertrag ausgestattet. Laut Wolfgang Gräf sollen noch ein Rechtsverteidiger und ein Offensivspieler für die linke Seite geholt werden. Wenn es dazu kommt, ist auch in diesem Jahr wieder eine komplette Elf hinzugekommen, von denen mindestens fünf oder sechs das Zeug zum Stammspieler haben. Das könnte also auf einen heißen Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft hinauslaufen. Sollte sich dieser leistungsfördernd auswirken, wäre der SVWW tatsächlich ein heißer Aufstiegskandidat.

Allerdings ist die Kadergröße meines Erachtens schon fast grenzwertig, denn nach aktueller Zählung stehen 28 Spieler im Profikader, bzw. es wären dann sogar 30, wenn noch die angekündigten zwei weiteren Spieler dazukämen. OK, ziehen wir gedanklich Jan Fießer schon mal ab, planen zunächst noch nicht mit Thorsten Barg (der möglicherweise noch die komplette Hinrunde verpassen wird) und rechnen die jungen Perspektivspieler eher der zweiten Mannschaft zu (die wohl mit einem deutlich kleinerem Kader geplant wird), kommen wir auf ca. 22, 23 Spieler, die sich jede Woche um die elf Plätze streiten. Gino Lettieri wird wohl regelmäßig die Qual der Wahl haben, wen er aufs Feld schickt.

Trotz der üppigen Kadergröße scheint mir eine Position etwas dünn besetzt, nämlich die des linken Verteidigers. Klar, wenn Fabian Schönheim bei uns bleibt, ist er dort gesetzt, aber wehe, er fällt wegen Sperre oder Verletzung einige Zeit aus. Dann muss wieder Alf Mintzel dort aushelfen oder der junge Marco Jordan darf ran, der letzte Saison nur drei Einsätze über 90 Minuten hatte. Ist vielleicht etwas schwarzgemalt, aber ganz wohl ist mir in dieser Hinsicht nicht. Und wenn Schönheim gehen sollte, müsste definitiv noch ein Spieler für diese Position geholt werden. Warten wir’s ab.

Eine weitere Frage treibt mich seit einiger Zeit um: Wie kann sich der SVWW all diese Spieler leisten? Zwar kamen alle Neuzugänge ablösefrei, aber da sind ja einige dabei, die sicherlich auch ohne größere Probleme bei einem Zweitligisten einen Vertrag bekommen könnten. Die sportliche Perspektive, die man jetzt bieten kann, ist sicherlich besser als in den letzten zwei Jahren, aber ohne finanzielle Argumente entscheidet sich doch kein Spieler für eine niedrigere Liga, oder? Wie geht das, wo doch der SVWW seit fast zwei Jahren ohne Trikotsponsor aufläuft (als einziger deutscher Profiklub)? Es gibt zwar eine Reihe kleiner und mittlerer Sponsoren und die Miete für Stadion und Geschäftsstelle dürfte dank Brita ziemlich überschaubar sein, aber es ist ja wiederum noch gar nicht so lange her, dass von (angeblichen) finanziellen Schwierigkeiten berichtet wurde. Wenn man sich dann noch anschaut, was ansonsten gerade in der dritten Liga in dieser Hinsicht passiert, kann man sich schon etwas wundern, wie das in Wiesbaden so funktioniert. Ich hoffe nicht, dass da irgendwann noch eine Bombe hochgeht, aber andererseits habe ich recht großes Vertrauen in Wolfgang Gräf, der bisher nicht nur durch finanzielle Drahtseilakte auffällig geworden ist. Apropos Gräf: hoffentlich wird sein Vertrag bald verlängert, denn dieser läuft anscheinend nur noch bis 30.06. (zumindest lt. TM).

Wo wir gerade beim Thema sind. Rot Weiß Ahlen hat wegen Insolvenz der Zwangsabstieg ereilt, weshalb Wacker Burghausen (mal wieder) profitiert und die Klasse hält. Beim SV Babelsberg ist es sehr zweifelhaft, ob diese in der nächsten Saison noch in der dritten Liga antreten können. Falls nein, würde stattdessen Werder Bremen II drin bleiben. Und wenn es ganz dumm läuft und auch noch die TuS Koblenz dahingerafft wird, würde auch noch Bayern München II in der dritten Liga bleiben, womit dann kein einziger sportlicher Absteiger tatsächlich absteigen würde. Wirft irgendwie kein gutes Licht auf die Liga.

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