Sandro Schwarz und seine Anfänge als Trainer

Derzeit findet die Frankfurter Buchmesse statt – Corona-bedingt überwiegend virtuell – und zur großen Überraschung aller wurde “111 Gründe, den SV Wehen Wiesbaden zu lieben” nicht für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nominiert. Stattdessen, und weil außerdem gerade Sandro Schwarz eine neue Trainerstelle angenommen hat, gibt es heute eine kleine Kostprobe aus dem Buch. Wir wünschen viel Vergnügen!


44. Weil Sandro Schwarz seine Trainerlaufbahn beim SV Wehen Wiesbaden startete.

Keine Frage, Spieler aus der Region sind wichtig, um die Verbindung mit den Fans zu stärken oder stark zu halten. Das war dem SV Wehen eine Zeit lang gut gelungen. Dajan Šimac – in Bingen geboren, keine Stunde vom Halberg entfernt. Sascha Amstätter, ein Frankfurter Bub – auch für ihn war der Weg zum Training nicht weit. Sandro Schwarz, der beim FSV 07 Bischofsheim an der Main-Spitze mit dem Kicken anfing und der bei Mainz 05 groß wurde – dieselbe Kategorie. Aber deswegen läuft nicht immer alles von Anfang an glatt.

Ohne Vater aufgewachsen, spielten für ihn Trainer immer eine besondere Rolle. Natürlich auch Wolfgang Frank, selbst wenn Schwarz nur sechs Spiele bei Mainz 05 unter Frank absolvierte – ein Kreuzbandriss, der ihn lange zurückwarf, war schuld daran. Jürgen Klopp jedoch setzte auf den zweikampfstarken Arbeiter im defensiven Mittelfeld. Zwar war Schwarz kein uneingeschränkter Stammspieler, aber regelmäßig dabei. Als sich 2004 abzeichnete, dass man auch im dritten Anlauf den ersehnten Aufstieg wohl nicht schaffen würde, bahnte sich ein Umbruch an. Wenige Wochen später war dann das Erstliga-Ticket doch noch gelöst worden, mancher Transfer aber schon perfekt gemacht. Etwa der von Michael Thurk, der jedoch in Cottbus nicht glücklich wurde und der wenige Monate später zurück an alter Wirkungsstätte war. Aber auch Sandro Schwarz, den es zu Zweitliga-Aufsteiger RW Essen zog. Seine Zweikampfbereitschaft, seine unkomplizierte Art – so jemand sollte in den Pott, wo man Malocher zu schätzen weiß, eigentlich gut passen. Jedoch, es lief bei RWE mehr schlecht als recht, und Schwarz‘ Dienste waren selten gefragt – 16 Einsätze, zehnmal davon als Joker, standen letztlich zu Buche. Mit dem Abstieg aus Liga 2 endete auch Schwarz‘ Zeit in Essen.

Zurück in die Heimat. Klingt leicht. Doch leicht wurde es für Schwarz beim SV Wehen nicht. Allein wenn man seine Autogrammkarten vergleicht, die ihn im Sommer 2005 und ein Jahr später zeigen, wird klar: Er war nicht fit, als er 2005 kam, leicht zu erkennen an den vollen Gesichtszügen. Doch überhaupt schien Trainer Đurađ Vasić andere Vorstellungen gehabt zu haben, was einen defensiven Mittefeldspieler angeht. Oft fand sich Schwarz auf der Ersatzbank wieder, entsprechend schweigsam war er auf manchen Rückfahrten. Daran sollte sich auch bis Herbst 2006 wenig ändern. Der Aufschwung kam, als Vasić sich nach Braunschweig verabschiedete und Christian Hock übernahm. Hock und Schwarz hatten in Mainz Seite an Seite gespielt – der einstige Nebenmann genoss das vollste Vertrauen des neuen Trainers, und der Aufschwung begann. Als dann Kapitän Sascha Amstätter verletzungsbedingt ausfiel, trug fortan Schwarz die Spielführerbinde, auch über weite Strecken der Zweitligasaison 07/08. So weit eitel Sonnenschein. Könnte man meinen, doch im Juli 2007 war Vasić wieder da. Als Sportlicher Koordinator, so hieß es, offiziell aber als Cheftrainer, da Hock noch nicht über die erforderliche Fußballlehrer-Lizenz verfügte. Diese Rollenverteilung passte nicht. Hinzu kam: Vasić war in Braunschweig krachend gescheitert. Das muss nicht mal sein Verschulden gewesen sein, da er während der Saison erst hinzugekommen war. Und was Zweitliga-Tauglichkeit angeht bzw. wie das Gegenteil davon aussah, das wird er erlebt haben, womöglich hatte ihn genau das auch den Kopf gekostet. Dass Vasić aber Schwarz, Hocks rechter Hand auf dem Feld, vor versammelter Mannschaft die Zweitliga-Tauglichkeit absprach, war Anlass, sich sofort von Vasić zu trennen. Mit Schwarz auf der Sechs sollte der SVWW eine sorgenfreie Saison spielen, und als es am 20. Spieltag gegen Aue Elfmeter gab, trat Schwarz wie selbstverständlich an und verwandelte. Er bewundere ihn, sagte Erwin Koen einige Monate später. Die beiden hatten 2004/05 gemeinsam für Essen gekickt und oft die Spiele nebeneinander von der Bank verfolgt. Er bewundere ihn, weil er ihn als geknickten Reservisten erlebt hatte, aber einige Jahre später als selbstbewussten Führungsspieler. 

Nach dem starken ersten Jahr konnte auch Schwarz den Absturz ans Tabellenende in der zweiten Saison nicht verhindern. Im DFB-Pokal-Viertelfinale beim Hamburger SV erzielte er eins seiner seltenen Tore und knapp zwei Wochen später sollte er bei der 0:2-Heimniederlage gegen Mainz 05 sein letztes Spiel als Profi absolvieren – auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte. Wegen einer Verletzung verpasste er die anschließende Niederlage beim FSV Frankfurt, die zur Trennung von Trainer Wolfgang Frank führte. Am darauffolgenden Sonntag wurde Schwarz wie auch Kapitän Alexander Walke (Wolfgang Frank hatte ihn zum Nachfolger von Schwarz bestimmt) zu einem Treffen mit der Vereinsführung gerufen. Bei einem Talk der Allgemeinen Zeitung erinnerte er sich: „Diese Nacht, in der ich Trainer geworden bin, war riesig. Ich war Kapitän und verletzt und keiner wollte eigentlich mehr sehen, wie ich spiele. Dann wurde ich sonntags angerufen: Komm mal nach Taunusstein in die und die Kneipe. Ich habe gedacht: Jetzt wird über die Situation gesprochen. Und dann war die erste Frage von Markus Hankammer: Wir haben entschieden, dass Wolfgang Frank beurlaubt ist, und wie würdest du die Entscheidung treffen, wer sein Nachfolger werden soll? Ich habe aus Spaß gesagt: Ich würde es machen und gelacht. Aber sonst hat irgendwie keiner gelacht. Und dann haben sie gesagt: Ja, du sollst es machen. Und dann haben sie gelacht und ich nicht mehr. Das war dann bis zum nächsten Tag eine Bauchentscheidung.“

Vielleicht schwang dabei auch ein bisschen die Hoffnung mit, es den Nachbarn von der anderen Rheinseite gleichzutun, denn die hatten einige Jahre zuvor Jürgen Klopp vom Spieler zum Trainer gemacht, der tatsächlich noch den Klassenerhalt in der 2. Liga geschafft und später Mainz erstmals in die Bundesliga geführt hatte. Sandro Schwarz setzte also im Alter von 30 Jahren erst mal seine Spielerkarriere bis Saisonende aus und versuchte sich am Unmöglichen. Dabei fungierte er mangels Trainerschein offiziell als Teamchef und durfte nur mit einer Ausnahmegenehmigung des DFB dem Trainerteam vorstehen. Der Einstand gelang mit einem 3:1 gegen den FC St. Pauli, aber diesem Sieg folgte nur noch ein weiterer in Oberhausen, als es schon zu spät war. In der neuen Saison wurde der bisherige Co-Trainer Hans Werner Moser Chefcoach, während Schwarz als Assistent weiterhin im Trainerteam blieb. Seine Spielerkarriere war somit nach 101 Ligaspielen für den SV Wehen (Wiesbaden) beendet – übrigens exakt genauso viele, wie er für Mainz 05 absolviert hat.

Unter Mosers Nachfolger Gino Lettieri blieb Schwarz allerdings nicht mehr lange im Trainerstab. Er setzte stattdessen ab dem Sommer 2011 seine noch junge Trainerkarriere beim 1. FC Eschborn fort, mit dem er sich durch einen ersten Platz in der Hessenliga für die neue Regionalliga Südwest qualifizierte. Im Folgejahr stieg Eschborn wieder ab, aber für Schwarz war es insofern trotzdem ein erfolgreiches Jahr, da er seine Fußballlehrerausbildung abgeschlossen hatte. Danach wechselte er zu seinem alten Verein 1. FSV Mainz 05, wo er zunächst zwei Jahre die A-Jugend trainierte, danach zwei Jahre die II. Mannschaft und seit 2017 Chefcoach der I. Mannschaft in der Bundesliga ist. So hat sich die Bauchentscheidung, die eigene Spielerkarriere gegen ein aussichtsloses Unterfangen als Teamchef eines designierten Zweitligaabsteigers einzutauschen, doch bezahlt gemacht und den Grundstein für eine Karriere als Erstligatrainer gelegt.


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